Den Arbeitsbegriff weiter denken: Zur subjektiven Wahrnehmung von Arbeitstätigkeit durch freiwillig engagierte Menschen
Zusammenfassung
Erwerbsarbeit verändert sich derzeit organisatorisch wie inhaltlich in starkem Maße. Kriterien dafür, was heute „gute“ Arbeit ist, können nicht einfach aus der traditionellen industriellen Arbeit in neue Formen von Dienstleistungs-, Wissens- und freiberuflicher Arbeit übertragen werden. Das vorzustellende Forschungsprojekt ermittelt Motive guter Arbeit durch den Vergleich verschiedener Formen von Tätigkeit aus der subjektiven Sicht der Arbeitenden.
In einer explorativen Studie wurden mit Hilfe narrativer Grid-Interviews die subjektiven Repräsentationen zum Thema Arbeit bei frei-gemeinnützig (ehrenamtlich) tätigen Menschen untersucht. Dabei wurde die Erfahrung frei-gemeinnütziger Tätigkeit mit den Erfahrungen in anderen Formen der Arbeitstätigkeit kontrastiert. Auf Basis dieser Erfahrungen wurde ermittelt, welche Motive denen anderer Formen von Arbeit ähnlich sind und wodurch freiwillige Arbeit sich von diesen unterscheidet. Dabei wurden insbesondere Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Wahrnehmung von freiwilliger Arbeit und Erwerbsarbeit herausgearbeitet. Es zeigt sich, aus welchen subjektiven und biographischen Motiven heraus Menschen einer frei-gemeinnützigen Arbeit nachgehen. Auch das Verhältnis verschiedener Arbeitstätigkeiten zu den Idealvorstellungen von Arbeit ist aufschlussreich und wird dargestellt.
Gleichzeitig erschienen als: Zürcher Beiträge zur Psychologie der Arbeit, Heft 1/2009.
Die Errungenschaften der Arbeitspsychologie und Arbeitswissenschaft bei der Gewährleistung und Förderung humaner Arbeitsbedingungen – Schädigungslosigkeit, Persönlichkeitsförderlichkeit, soziale Angemessenheit (Luczak et al. 1989) – sind das Ergebnis der Analyse industrieller Arbeit. So wenig wie diese Qualitäten von Arbeit vor der industriellen Revolution absehbar waren, so wenig können wir aus den Arbeitsbedingungen industrieller Arbeit heraus die Qualitäten der Arbeit in der Wissensgesellschaft ableiten. Längst werden neue Kriterien gesellschaftlicher Entwicklung diskutiert, die bislang nur zögernd und von außen in die Analyse und Gestaltung von Arbeit adaptiert werden, etwa Nachhaltigkeit, Sinnhaftigkeit, Verantwortlichkeit oder Diversität und Integration. Dabei ist unbestritten, dass die Natur der Arbeit sich verändert (Howard 1995; Udris 1997; Dunlop & Sheehan 1998; Ackerman 1998; Burke & Ng 2006; Frese 2008), was nicht nur den Inhalt, sondern auch den Rahmen der Analyse betrifft.
Ausgelöst wird der Wandel durch technologische, ökonomische und soziokulturelle Faktoren: die rasante Entwicklung sowohl der Produktionstechnologie und -logistik im engeren als auch der Informations- und Kommunikationstechnologie im weiteren Sinne, die Internationalisierung der Märkte, gesellschaftliche Entwicklungen etwa der Individualisierung, der Geschlechterrollen, der Demographie oder der Zuwanderung. Es wird von einer Entgrenzung (Kratzer 2003) und Subjektivierung von Arbeit gesprochen (Gottschall & Voß 2005, Mutz 2002, Rosenkranz & Görtler 2002; Mutz & Kühnlein 2001; Beck et al. 1996). Mit Entgrenzung ist gemeint, dass sich Arbeit räumlich, zeitlich und/oder sozial zunehmend in die übrigen Sphären des Lebens ausdehnt, und dass eine Abgrenzung zwischen verschiedenen Lebenssphären schwerer fällt. Subjektivierung meint eine Verlagerung von arbeits- und beschäftigungsbezogenen Entscheidungen und Verantwortlichkeit für Erfolg und Risiko auf das Individuum. Entgrenzung und Subjektivierung unterstützen eine arbeitszentrierte Lebensgestaltung, wie sie etwa im Bereich der Selbständigkeit und in neu entstehenden Branchen weit verbreitet ist (Betzelt 2006; Ewers & Hoff 2006; Ewers et al. 2004). So verschieben sich die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit, ihre Marktbedingungen und Organisationsformen verändern sich.
Die Arbeitswissenschaften einschließlich der Arbeitspsychologie erforschen, bewerten und gestalten Arbeit, indem sie sie auf ihre technologischen, sozialen und psychologischen Bedingungen hin untersuchen. Um dieses leisten zu können, werden die Fragestellungen und Gegenstände auf einen bearbeitbaren Umfang eingegrenzt. Dieser Vorgang der Operationalisierung bedeutet gleichzeitig eine Präzisierung und eine Reduzierung des Untersuchungsgegenstandes auf abgrenzbare Teilaspekte. Auf diese Weise arbeiten die beteiligten Disziplinen sich weiter und tiefer in ihr jeweiliges Feld vor und können gemeinsam ihre Aufgabe gründlich und umfassend wahrnehmen. Je stärker jedoch dieser Prozess der Spezialisierung alle beteiligten Akteure und Disziplinen erfasst, desto stärker ist die Gefahr, dass die Bedeutung von Veränderungen auf der Makroebene oder am äußeren Rahmen verkannt wird.
In einer Phase der Wahrnehmung umgreifender Veränderungen liegt folglich der Blick auf die anthropologischen Voraussetzungen und Bedeutungen des Gegenstands Arbeit nahe. Arbeit ermöglicht als tätige Aneignung von (Um-)Welt sowohl die Formierung persönlicher Identität als auch gesellschaftliche Integration. Arbeit ist Ausdruck individueller Schaffenskraft, sie lässt uns persönliche Wirkmächtigkeit, gesellschaftliche Bedeutung und Zugehörigkeit erleben. Die Entwicklung von der Arbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft erweitert den Betrachtungswinkel auf Arbeit, ihre Motive und Qualität (Senghaas-Knobloch 1999).
Eine Perspektive, die den Blick auf das Grundsätzliche der Arbeit und ihre Qualitäten erleichtert, ist die der Arbeitenden selbst. Sie können in der Reflexion auf ihre Tätigkeit einschätzen, was ihnen dabei wichtig ist, was Arbeit in ihrem Leben sicherstellt, was ihnen bei der Arbeit fehlt, was sie sich von ihr erhoffen oder wünschen. Eine weitere Perspektive auf die grundsätzliche Qualität von Arbeit öffnet sich mit dem Blick auf solche Formen von Arbeit, die freiwillig und ohne Entlohnung geleistet werden. Da sie offensichtlich nicht der persönlichen Existenzsicherung dienen, müssen andere Motive hier stärker in den Vordergrund treten. Es entspricht dieser Perspektive, bisher eher randläufig behandelte Formen von Arbeit in empirische Untersuchungen einzubeziehen und ehrenamtliche Arbeit, Familienarbeit, Hausarbeit, Eigenarbeit, selbständige oder freiberufliche Arbeit, die Arbeit von Ein-Euro-Jobbern oder von befristeten Zeitarbeitnehmern in den Kanon der als Arbeit akzeptierten Tätigkeiten mit aufzunehmen und als Gegenstand in die Arbeitsforschung einzubeziehen.
Im Leitbild der GfA1 heißt es „Die Arbeitswissenschaft befaßt sich auch mit der Analyse, Beurteilung und Gestaltung von Nicht-Erwerbsarbeit (z.B. Hausarbeit, Eigenarbeit, Bürgerarbeit etc.)“, dennoch finden sich bis heute unter einer Vielzahl von Beiträgen zum Thema Arbeit nur wenige außerhalb der Sphäre der Erwerbsarbeit. Es reicht nicht aus, neben der Industriearbeit neue Formen der Erwerbstätigkeit einzubeziehen („Arbeitskraftunternehmer“ Pongratz & Voß 2004), sondern auch Formen außerhalb von Erwerbsarbeit sollten von der Arbeitsforschung wahrgenommen werden. Auf diese Weise kann die Frage nach der Qualität zukünftiger Arbeit um eine Vergleichsdimension bereichert werden.
1 Gesellschaft für Arbeitswissenschaft e.V. (URL: http://www.gfa-online.de/wirueberuns/selbstverstaendnis.php) Zugriff am 05.01.2009
2 Facetten von Arbeit: Der Blick über den Tellerrand
Es gibt bisher nur wenige Beiträge, die Nicht-Erwerbsarbeit einbeziehen. Hervorzuheben sind hier die arbeitspsychologischen Studien zu Hausarbeit (vgl. Resch, Bamberg & Mohr 1997; Resch 1999), frei-gemeinnütziger Tätigkeit2 (Mieg, Güntert & Wehner 2006, Güntert 2008) sowie zur Erhebung und Bewertung von Alltagstätigkeiten (vgl. Weyerich et. al. 1992; Fenzl & Resch 2005; Ulich 2004). Sowohl diese, als auch Beiträge zur Schnittstelle von Engagement und Erwerbsarbeit (u.a. Evers 2008, Schumacher 2003, Hacket et.al. 2004, Strauss 2008) beziehen sich jedoch entweder auf Erwerbsarbeit oder freiwillige Arbeit oder andere Arbeitstätigkeiten. Integrative bzw. vergleichende Ansätze zur Frage welches die Besonderheiten, sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Formen von Arbeit aus subjektiver Sicht sind, liegen bisher kaum vor3.
Dabei erfährt insbesondere das Spannungsfeld „Engagement und Erwerbsarbeit“ derzeit einen Bedeutungszuwachs, was zuletzt durch zahlreiche Beiträge auf der gleichnamigen BBE Fachtagung4 deutlich wurde. Hier wurde unterstrichen, das Engagement nicht länger „nur“ ein gesellschaftliches Thema ist, sondern vielfältige Bezüge zu Politik, Wirtschaft und Wissenschaft bestehen. Evers (2008) formuliert deutlich „Je klarer man sich ist über die Besonderheiten von Erwerbsarbeit auf der einen und Engagement auf der anderen Seite, desto eher wird man auch in der Lage sein, Mischformen angemessen zu behandeln.“ (ebd. S. 8).
Bei der Erforschung von Merkmalen der Arbeit ausschließlich anhand Erwerbsarbeit besteht die Gefahr, dass Existenzsicherung als wesentliches Motiv für Erwerbsarbeit andere Motivstrukturen von Arbeit verdeckt. Das Motiv der Bezahlung ist in Bezug auf freiwillige Arbeit ausgeschlossen, daher ist zu erwarten, dass andere Motivstrukturen für und Facetten5 von Arbeit sichtbar werden. Freiwillige Arbeit wird in Abgrenzung zur Erwerbsarbeit als Entwicklungsaufgabe gesehen (Brendges & Braun 2000; Picot 2000; Oerter & Montada 1995), zudem wird ihr Multifunktionalität bescheinigt (Naleppa 2002; Ulich 2001).
2 Mieg & Wehner (2002) formulieren folgende Definition: „Der Bereich frei-gemeinnütziger Arbeit umfasst unbezahlte, organisierte, soziale Arbeit; gemeint ist ein persönliches, gemeinnütziges Engagement, das mit einem Zeitaufwand verbunden ist, prinzipiell auch von einer anderen Person ausgeführt und potenziell bezahlt werden könnte“ (ebd. S. 5) 3 Eine Ausnahme bildet z.B. die Studie „Commitment und Involvement in der Freiwilligenarbeit und in der Erwerbsarbeit“ von Wehner & Güntert (2005) In Gesellschaft für Arbeitswissenschaft (Hrsg.), Bericht zum 51. Arbeitswissenschaftlichen Kongress (S. 117-120) Dortmund, GfA Press. 4 Fachtagung „Engagement und Erwerbsarbeit“ November 2007, Berlin. Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement 5 In Bezug auf Facetten von Arbeit liegt der Beitrag von Göttling (2007) vor, wovon wir den hier verwendeten Begriff der Facette deutlich abgrenzen müssen. Göttling verwendet ein Facettenmodell um Arbeitstätigkeiten von langzeiterwerbslosen Menschen zu erfassen, Gemeinsinnarbeit wird als eine Facette von Arbeit verstanden. Wenn im vorliegenden Beitrag die Rede von Facetten der Arbeit ist, sind individuell wahrgenommene Merkmale von Arbeitstätigkeiten gemeint.
2.2 Ansätze der Freiwilligenforschung: Reicht das?
Die Freiwilligenforschung ist geprägt von repräsentativen Studien zu Struktur und Strukturwandel von Engagement (vgl. Paulwitz 1988; Rauschenbach et al. 1995; Beher et al. 2000; Rosenbladt 2000; Rosenkranz & Weber 2002), sowie Untersuchungen zu altruistischer Persönlichkeit (vgl. Bierhoff & Schülken 2001; Bierhoff 1990). Dem funktionalen Ansatz folgend sind einige Studien (Omoto & Snyder 1995; Tietz & Bierhoff 1996; sowie Clary et. al. 1998) dem Verständnis der Phänomene und Prozesse in den Bereichen Einstellung und Überzeugung, soziale Kognition, soziale Beziehungen und Persönlichkeit gewidmet.
Erfahrungen und Lebensgeschichten der freiwilligen Akteure, individuelle Sinn- und Motivstrukturen, Abgrenzungen zu anderen Tätigkeitsformen, oder gar das Aktivierungspotential der Arbeitstätigkeit an sich werden bei diesen Untersuchungen zur Motivation freiwilliger Arbeit nicht hinreichend berücksichtigt. Im Mittelpunkt unseres Ansatzes stand die subjektive Wahrnehmung von verschiedenen Tätigkeiten durch Menschen, die freiwillig engagiert sind. Es ging uns darum, mit Hilfe eines qualitativen Designs den Arbeitsbegriff aus subjektiver Sicht der Arbeitenden zu rekonstruieren. Nicht ein repräsentativer Anspruch stand für die Untersuchung im Vordergrund, sondern die Wahrnehmung und Darstellung komplexer Einzelfälle.
3 Die Studie: Forschungsziele, Sample und methodisches Vorgehen
Vor dem Hintergrund unserer Vorüberlegungen wurden folgende Forschungsziele formuliert:
Subjektive und biographische Motive freiwilliger Arbeit sollten im Vergleich mit anderen Arbeitstätigkeiten erforscht werden.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen verschiedenen Formen von Arbeitstätigkeit, insbesondere zwischen freiwilliger Arbeit und Erwerbsarbeit, sollten aus subjektiver Sicht der Akteure expliziert werden.
Es sollten die Idealvorstellungen, die die Akteure mit Arbeit verbinden, rekonstruiert werden, insbesondere das Verhältnis dieser Idealvorstellungen zur Erwerbsarbeit und zu frei-gemeinnütziger Arbeit.
Um einer möglichst großen Bandbreite freiwilligen Engagements gerecht zu werden, wurden verschiedene Akteure frei-gemeinnütziger Arbeit einbezogen. Dazu gehörten die Bereiche freiwillige Feuerwehr, Kirche, Gemeinwohlorientierte Organisationen, Kultur sowie Sport- und Vereinsleben. Engagierte Frauen und Männer in unterschiedlichen Lebensphasen (im Alter von 25-75 Jahren) wurden angesprochen. Wichtige Voraussetzung für die Teilnahme war die Erfahrung der Personen auch mit Erwerbsarbeit. Durch persönliche Kontaktaufnahme und durch die Herausgabe eines Infoblattes konnten 20 Auskunftspersonen für persönliche Interviews gewonnen werden.
Wenn es darum geht, möglichst nah an der subjektiven Sicht der Befragten zu bleiben, ist die Entscheidung über die Erhebungsmethode von besonderer Bedeutung. Ein direkter Vergleich von verschiedenen Tätigkeiten nicht durch theoretisch vorgegebene, sondern durch die persönlichen Kategorien der Interviewpartner schien uns eine geeignete Variante, um die persönliche Sicht und Konstruktwelt der Auskunftspersonen, zumindest in einem Ausschnitt, zu erfassen. Als besondere Interviewmethode zur Explikation persönlicher Wahrnehmung fragt das narrative Grid Interview nach persönlichen Erfahrungen und erhebt gezielt persönliche Konstrukte (vgl. Bannister & Fransella 1981; Scheer & Catina 1993; Raeithel 1993; Fromm 1995; Dick 2001). Durch die Elemente der freien Erzählung und der selbständigen Formulierung der Konstrukte entsteht Raum für die Darstellung der subjektiven Repräsentationen eines Menschen. Der Mehrwert liegt in der Freiheit der Interviewpartner, eigene Kategorien bilden zu dürfen, denn die einzige Vorgabe sind die Tätigkeiten, zu welchen sie Aussagen treffen sollen. Im Folgenden wird das Vorgehen während der Datenerhebung zur vorliegenden Studie genauer beschrieben.
Um Aussagen zu verschiedenen Formen von Tätigkeiten zu generieren, wurde ein Set von Elementen vorgegeben. Auf Kärtchen notiert, wurden den Auskunftspersonen verschiedene Tätigkeiten6 aus dem Alltag vorgelegt:
Abbildung 1: Set der vorgegebenen Elemente
Auch emotionale Elemente wie das Ideal als positiver Anker und unliebsame Tätigkeit als negativer Anker wurden einbezogen, um bewusst kontrastierende Merkmale beim Konstruieren anzusprechen. So kann die Valenz der persönlichen Konstrukte als Interpretationsanker (vgl. Dick 2001, S. 219) genutzt werden.
Alltagstätigkeiten und Arbeitstätigkeiten sollten im Set gleichermaßen vertreten sein, um das Interview möglichst nah an der Gesamtheit der Lebenswelt der Befragten zu orientieren, sowie den Fokus eher auf Tätigsein, denn auf Arbeit zu richten. Das vorgegebene Set diente einer ersten Orientierung und die Interviewpartner waren aufgefordert, jene Tätigkeiten auszusortieren, zu welchen sie keine persönliche Erfahrung hatten. Außerdem war es möglich, eigene Formen der Tätigkeit zu benennen. So entstand in einem Interview etwa das Element „Freundschaftshilfe“ an Stelle der Nachbarschaftshilfe. Die folgenden Schritte beschreiben den weiteren Ablauf eines narrativen Grid Interviews:
1. Narration:
Zu vorgegebenen Elementen7 wird jeweils eine freie Erzählung/Darstellung zur persönlichen Erfahrung mit dieser Tätigkeit erhoben.
Die Instruktion für die Auskunftsperson lautet: „Wenn Sie sich nun bitte für jede Karte Zeit nehmen. Bitte erzählen Sie mir zu jeder Tätigkeit etwas aus Ihrer persönlichen Erfahrung. In welcher Situation sehen Sie sich, wenn Sie an die Tätigkeit denken?“
2. Triadenvergleich:
Je drei der Elemente werden in zufälliger Kombination zum Vergleich vorgelegt.
Die Instruktion für die Auskunftsperson lautet zunächst: „Bitte sortieren Sie zwei Elemente (Tätigkeiten) zueinander, die etwas gemeinsam haben, also sich ähnlich sind und vom dritten unterscheiden.“
Abbildung 2: Beispiel Triadenvergleich im narrativen Grid-Interview
Nach dem Sortieren durch die Auskunftsperson erfolgt die Konstruktbildung, die Instruktion dazu lautet: „Bitte benennen Sie die Gemeinsamkeit und den Unterschied.“
Abbildung 3: Beispiel Konstruktbildung im narrativen Grid-Interview
3. Rating:
Alle Elemente (hier Tätigkeiten) werden nun mit dem entstandenen Konstruktpaar (in unserem Beispiel: „spontan“ vs. „geplant“) auf einer Skala mit 5 Stufen eingeschätzt.
Die Instruktion zu diesem Schritt lautet: „Bitte ordnen Sie nun alle übrigen Tätigkeiten mit Hilfe der Skala zu. Elemente auf die „beides“ zutrifft ordnen Sie in der Mitte der Skala an. Falls Sie ein Element nicht zuordnen können, lassen Sie es einfach außerhalb der Skala liegen.“
Abbildung 4: Beispiel Rating im narrativen Grid-Interview
Auf diese Weise wurden innerhalb mehrerer Wochen 20 etwa zweistündige Einzel¬interviews erhoben, wobei jeweils eine Stunde der Erzählung zu den Tätigkeiten und eine Stunde dem Grid-Interview gewidmet war. Meist fanden die Interviews in den Räumlichkeiten der Universität statt, manchmal bei den Auskunftspersonen zu Hause, was je nach Wunsch der Auskunftspersonen gestaltet wurde. Die Atmosphäre während der Interviews war in allen Fällen offen und angenehm, alle Auskunftspersonen waren sehr aufgeschlossen der Methode und dem Thema gegenüber und häufig kam es nach der eigentlichen Erhebungsphase noch zu reflexiven Gesprächen über die visualisierten Daten8.
Im Anschluss an die Erhebung der Interviews wurde der narrative Teil der Interviews transkribiert. Auf Basis des Ratings im Grid-Teil des Interviews wurde durch Cluster- und Hauptkomponentenanalysen errechnet, welche Konstrukte und Elemente ähnlich bewertet wurden. Es schloss sich eine Dokumentation formaler Merkmale der Grids an, die Aussagen zur Trennschärfe in der Verwendung der Konstrukte, zur Dichte der Elemente und Konstrukte sowie zur Anzahl der Hauptdimensionen und deren Anteil aufgeklärter Varianz enthielten. Diese Ergebnisse werden hier nicht berichtet, da sie lediglich die Güte der Daten beschreiben und keine inhaltlichen Aussagen über die Konstruktionen der Befragten enthalten.
Durch die Verdichtung der Inhalte entstand für jedes Interview ein subjektives Modell, welches die Wahrnehmungsdimensionen der frei-gemeinnützig Tätigen abbildet.
6 Vergleichbar mit dem Konzept der „alltäglichen Lebensführung“ (Voß 1995), wonach alle Tätigkeiten von Personen im Zusammenhang des tätigen Lebens gedacht werden, es also um die Synchronie des Alltags geht. 7 In dieser Studie wurde ein Set von Elementen vorgegeben, es ist jedoch auch möglich, eine freie Erzählung zu einem Thema zu erheben und die Elemente anschließend aus der Erzählung zu „schöpfen“. Um eine bessere Vergleichbarkeit der Grid-Ergebnisse zu erzielen, wurde das Set hier vorgegeben. 8 Eine Abbildung der Hauptkomponentenanalyse wurde allen Auskunftspersonen zum Abschluss des Interviews gezeigt, um einen Eindruck zu vermitteln, welche Daten mit Hilfe der Grid Prozedur entstanden sind. Häufig waren die Graphiken sofort verständlich und die rechnerisch ermittelten Hauptkomponenten waren aus Sicht der Auskunftspersonen sinnvoll. Diese spontanen Rückmeldungen waren ein wichtiger Hinweis auf die Validität der Grid-Ergebnisse aus subjektiver Sicht der Befragten.
Den Forschungszielen entsprechend galt der Fokus der vergleichenden Auswertung den Elementen frei-gemeinnützige Tätigkeit und Erwerbsarbeit. Um Aussagen zu positiver oder negativer Wahrnehmung von Elementen treffen zu können, war das Ideal von besonderer Bedeutung, da es anzeigt, in welcher Hinsicht die frei-gemeinnützige Arbeit sowie die Erwerbsarbeit den Idealvorstellungen von Arbeit nahe kom¬men, und welche Tätigkeitsmerkmale (Konstrukte) positives Erleben kennzeichnen.
4.1 Jeder Fall ein Fall für sich: Individuelle Wahrnehmung von Tätigkeit
Welche persönlichen Konstrukte von den Interviewpartnern formuliert wurden, und welche Themen in den Interviews zu finden sind, sollen zunächst zwei vor dem Hintergrund der Forschungsfrage kontrastierende Einzelfälle zeigen.
4.1.1 Erster Einzelfall: Julia „Zwischen Selbstverständlichkeit und Verpflichtung“
Julia ist zum Zeitpunkt des Interviews9 etwa 25 Jahre alt und erwerbstätig als Planerin im öffentlichen Dienst. Im Kontrast zum zweiten Fall ist sie mit ihrer Erwerbsarbeit eher unzufrieden, was sowohl durch ihre Erzählung, als auch durch das Grid-Interview deutlich wird. Sie leitet ehrenamtlich einen Jugendchor. In diese Aufgabe ist sie gewissermaßen ‚hineingewachsen’, denn sie hat die Nachfolge der vorherigen Chorleiterin nach deren Ausscheiden übernommen. Es war weniger eine bewusste Entscheidung, vielmehr war ausschlaggebend, dass sie zu dem Zeitpunkt die Älteste im Chor war und für die Nachfolge als Chorleiterin bestimmt wurde. Trotz eines wechselhaften Empfindens von Freude und Anstrengung, sowie Unsicherheit in ihrer Rolle als Leiterin, da sie mit einigen Chormitgliedern auch Freundschaft verbindet, übernimmt sie nach wie vor die Aufgabe als Chorleiterin.
Vor diesem Hintergrund können nun die Ergebnisse des Grid-Interviews verstanden werden. Die folgende Abbildung zeigt zunächst die Ergebnisse des Interviews in Form einer sogenannten Bertin-Graphik, hier werden die „Rohdaten“ des Interviews, also sämtliche Elemente und Konstrukte, nach dem Schritt des Ratings abgebildet.
Abbildung 5: Bertin-Graphik (Julia)
Anhand der Verteilung der hellen und dunklen Felder ist auf den ersten Blick eine Struktur zu erkennen. Diese Struktur ist inhaltlich von Bedeutung, so sind auf der linken Seite etwa die Elemente Muße/Erholung, Hobby und ideale Beschäftigung als ähnlich, nämlich vorwiegend durch die Konstrukte auf der linken Seite, beschrieben, demgegenüber bilden die Elemente Job/Nebenjob und Erwerbsarbeit eine Gruppe, welche mit Hilfe der Konstrukte auf der rechten Seite beschrieben wird. Ebenso wird sichtbar, dass es Elemente gibt, die Anteile beider Seiten auf sich vereinen, etwa Familienarbeit oder frei-gemeinnützige Tätigkeit.
Diese Form der Darstellung ermöglicht einen direkten Zugriff auf sämtliche Informationen aus dem Grid-Interview, so kann etwa für jede Tätigkeit abgelesen werden, welche persönlichen Konstrukte von Bedeutung waren.
Die frei-gemeinnützige Tätigkeit wurde von Julia mit Hilfe folgender persönlicher Konstrukte beschrieben:
Selbstverständlichkeit und Verpflichtung
kraftgebend
innere Ruhe
gemütlich warm
Gelassenheit
privat
angenehme Anstrengung
Kopfanstrengung
in Gesellschaft sein
nach außen wirken.
Im Unterschied dazu wurde die Erwerbsarbeit durch die Konstrukte
Verpflichtung
kraftraubend
anstrengende Bewegung
gemütlich warm und ungemütlich kalt
Verantwortung
öffentlich
unangenehme Anstrengung
Kopfanstrengung
in Gesellschaft sein
nach außen wirken
beschrieben.
Eine weitere Möglichkeit, die Ergebnisse eines Grid-Interviews darzustellen, bietet die Hauptkomponentenanalyse (Principal Component Analysis). Hier wird die Informationsmenge der Beziehungen von Elementen und Konstrukten auf orthogonal konstruierte Achsen reduziert, die einen möglichst großen Anteil der im Modell vorhandenen Varianz aufklären (die sogenannten Hauptkomponenten oder Dimensionen; vgl. Fromm 1999). Die abgebildeten Achsen geben eine Orientierung, um die räumlichen Beziehungen zwischen den Elementen und Konstrukten im Sinne ihrer Ähnlichkeit bzw. Verschiedenheit zu interpretieren. In den beiden vorgestellten Einzelfällen sind jeweils drei Dimensionen rechnerisch und inhaltlich von Bedeutung. Sie sind eine Verdichtung der subjektiven Konstruktionen und auf deren Basis benannt worden. So repräsentieren sie den psychologisch bedeutsamen Begriffsraum der Auskunftsperson (Kelly 1986). Folgende subjektive Modelle sind das Ergebnis einer solchen Hauptkomponentenanalyse und deren Interpretation durch das Forscherteam.
Anhand von Abbildung 6 wird erläutert, wie die Graphiken zu verstehen sind: Innerhalb sind die Elemente (hier: Tätigkeiten) und außerhalb die persönlichen Konstrukte angeordnet. Eine Dimension spannt sich zwischen zwei Polen auf, im Fall von Julia: Pflicht vs. Selbstverständlichkeit (1. Dimension) und Innenwelt vs. Außenwelt (2. Dimension). Die Bezeichnungen der Pole (kursiv) sind Interpretationen des Forscherteams, darunter sind jeweils die persönlichen Konstrukte der Auskunftsperson genannt. Zwischen den Polen werden sogenannte Erlebnisräume (kursiv) beschrieben z.B. in Gesellschaft: angenehm, beruhigend. Die Benennung der Pole sowie der Erlebnisräume hilft, die Komplexität der Daten zu reduzieren um schließlich die persönliche Konstruktwelt der Auskunftspersonen besser zu verstehen10.
Abbildung 6: Subjektives Modell auf Basis einer Principal Component Analysis: 1. und 2. Dimension (Julia)
Im Beispiel von Julia spannt sich auf der ersten Dimension ein deutlicher Unterschied auf: Die Erwerbsarbeit wird als anstrengend und verpflichtend wahrgenommen, während die frei-gemeinnützige Tätigkeit und die ideale Beschäftigung durch Merkmale wie Selbstverständlichkeit und innere Ruhe gekennzeichnet sind. Auf der zweiten Dimension hingegen zeigen die Erwerbsarbeit und die frei-gemeinnützige Tätigkeit Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Konstrukte nach außen wirken, in Gesellschaft sein, was darauf hinweist, dass die beiden Elemente eine Verbindung zur Umwelt herstellen und Julia die Ebene des häuslichen, privaten Raumes verlässt.
Die frei-gemeinnützige Tätigkeit zeigt einen positiven Zusammenhang der eigenen Wirkung nach außen und des angenehmen Empfindens. Julia ordnet die freiwillige Tätigkeit dem privaten Bereich ihres Lebens zu, während im Vergleich die Erwerbsarbeit eine Tätigkeit im öffentlichen Raum ist. Dennoch gehören die Aspekte „in Gesellschaft sein“ und „nach außen wirken“ auch zur Ausübung der freiwilligen Tätigkeit. Sie ist in Gemeinschaft aktiv und hat ein eher angenehmes „gemütlich warmes“ Empfinden, welches auch durch innere Ruhe und Gelassenheit geprägt ist. Die freiwillige Tätigkeit ist durchaus mit Anstrengung verbunden, welche sie jedoch als angenehm wahrnimmt und als „Kopfanstrengung“ bezeichnet. Im Unterschied zu anderen Tätigkeiten (Erwerbsarbeit, Hausarbeit) ist die Leitung des Chores für sie eher kraftgebend und nicht kraftraubend. Die Ausübung der freiwilligen Tätigkeit ist für sie selbstverständlich, aber auch verpflichtend. Ihre freiwillige Arbeit beschreibt sie als Tätigkeit, bei welcher sie sich in Gesellschaft wohl fühlt, und bei der Interaktion ein ganz wesentliches Kennzeichen ist, sie fühlt sich auf angenehme Weise gefordert - im Unterschied zur Erwerbsarbeit.
Ein besonderes Konstruktpaar ist Gelassenheit und Verantwortung. Entweder wird bei einer Tätigkeit Verantwortung übernommen, oder Julia verspürt Gelassenheit. Das lässt folgenden Umkehrschluss zu: Wenn Julia bei einer Tätigkeit Verantwortung übernehmen muss (Hausarbeit, Job/Nebenjob, Erwerbsarbeit), kann sie keine Gelassenheit empfinden. Sie spürt bei diesen Tätigkeiten eine Anspannung und ordnet sie eher als unangenehm anstrengende Tätigkeiten ein. Diese Annahme wird durch die rasche und entschiedene Formulierung des Konstruktes in der Interviewsituation untermauert. Wenn wir nun den Blick auf die frei-gemeinnützige Tätigkeit richten und den Bezug zu diesem Konstruktpaar herstellen, sehen wir die Zuordnung zu „eher Gelassenheit“. Man könnte vermuten, dass bei ihrer Arbeit als Chorleiterin auch „Verantwortung“ eine Rolle spielen müsste. Ein Blick in das Transkript war in diesem Fall hilfreich, denn es findet sich die Äußerung „dann ist die weggegangen und ich war dafür verantwortlich“ (Julia Z. 69). Sie spricht also wortwörtlich von der Verantwortung, die sie mit der frei-gemeinnützigen Tätigkeit übernommen hat.
Abbildung 7: Subjektives Modell auf Basis einer Principal Component Analysis: 1. und 3. Dimension (Julia)
Mit einem Blick auf die 3. Dimension wird deutlich, dass Julia Situationen eher als angenehm empfindet, wenn sie im privaten Raum stattfinden. Sehr positiv werden vor allem die frei-gemeinnützige Tätigkeit, die Familienarbeit und das Ideal beschrieben. In Bezug auf ihre Erwerbsarbeit nimmt sie Aktivität im öffentlichen Raum als eher unangenehm wahr, sie verbindet solche Situationen vor allem mit Anstrengung.
9 Zeitpunkte der Interviews: Julia Dezember 2006, Sonja Juli 2007
10 Sinn eines subjektiven Modells ist es, die Komplexität der Gesamt-Gridstruktur zu reduzieren. Die abgebildeten Modelle zeigen daher nicht sämtliche Elemente und Konstrukte eines Einzelfalls. Die jeweils abgebildeten Elemente waren für den jeweiligen Pol bzw. Erlebnisraum von besonderer Bedeutung (hohe Ladung auf der jeweiligen Hauptkomponente). Sie können als illustrierende Beispiele verstanden werden (bspw. illustriert die Tätigkeit „Muße/Erholung“ den Erlebnisraum „Abschalten im privaten Raum“ besonders deutlich, oder „Hausarbeit“ wurde klar dem Raum „allein, unangenehm, anstrengend“ zugeordnet). Es wurde also im Anschluss an die rechnerischen Ergebnisse der Hauptkomponentenanalyse eine inhaltliche Überprüfung der Elemente und Konstrukte vorgenommen. Ergebnis dieser Überprüfung und damit auf inhaltlicher Ebene gültig sind die subjektiven Modelle.
4.1.2 Zweiter Einzelfall: Sonja „Zwischen innerer Öffnung und professioneller Distanz“
Sonja ist etwa 50 Jahre alt und erwerbstätig als Referentin im öffentlichen Dienst. Beruflich hat sie hohe Verantwortung und beschreibt ihre Arbeit im Unterschied zu Julia als erfüllend und anspruchsvoll. Sie ist politisch ehrenamtlich in verschiedenen Projekten tätig. Sowohl ihre Erwerbsarbeit, als auch ihre freiwillige Arbeit gestalten sich als Projektarbeit. Im Bereich des freiwilligen Engagements übernimmt sie häufig die Rolle der Initiatorin und macht sich für unterschiedlichste Problembereiche (bspw. Opfer häuslicher Gewalt, Mobbing) stark. So erzählte sie auch im Interview von zahlreichen Projekten, welche sie ins Rollen gebracht hat, nun aber nicht mehr betreut. Sobald ein Projekt erfolgreich angeschoben ist, widmet sie sich dem nächsten. Ihre Bewertungen im Grid-Interview beziehen sich daher auf ihr Engagement im Ganzen (projektübergreifend) und nicht auf ein bestimmtes Beispiel, wie etwa im Interview mit Julia.
Abbildung 8: Bertin-Graphik (Sonja)
Wenn auch Erwerbsarbeit und freiwillige Arbeit im Interview von Sonja als ähnlich beschrieben wurden, deuten sich in den subjektiven Modellen Abgrenzungen an.
Abbildung 9: Subjektives Modell auf Basis einer Principal Component Analysis: 1. und 2. Dimension (Sonja)
Im Interview mit Sonja werden die Aspekte Gemeinschaft und Vertrauen thematisiert, was im Folgenden genauer erläutert wird. Sowohl die frei-gemeinnützige Tätigkeit als auch die ideale Beschäftigung werden durch das Konstrukt „gemeinsam“ beschrieben, Zusammenhalt und Team werden als wichtig eingeschätzt. In der Erwerbsarbeit hingegen kommt sie auch in die Situation einer Einzelkämpferin, sie muss Probleme allein bewältigen und eine neutrale Gefühlslage behalten.
Ähnlich wie Julia sieht auch Sonja eine Gemeinsamkeit der drei zu vergleichenden Elemente hinsichtlich des Aspektes ‚Handeln im öffentlichen Raum’. Interessant im Interview mit Sonja ist das Konstruktpaar mit Distanz vs. völlige innere Öffnung. Sich öffnen hat mit sich anvertrauen zu tun. „Vertrauen“ ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Thema. Das Konstrukt innerliche Beteiligung verweist bei Sonja hingegen auf ein gefühlsbetontes Nachdenken über Situationen, d.h. Distanz auch mal nicht wahren können, etwas an sich heran lassen. Sonja beschreibt im Interview das Spannungsfeld der innerlichen Beteiligung und äußert sich zu dem Problem, verschiedene Lebensbereiche auseinander zu halten:
"Und das ist also auch so ein gewisses Konfliktfeld, weil für mich das alles so zusammen gehört ähm .. gibt es da natürlich auch Konflikte, weil man sich natürlich in der Erholungszeit, in der gemeinnützigen Tätigkeit z.B. den Menschen mehr öffnet, als im Erwerbsleben und wenn man dann jemanden dazwischen hat, der das massivst ausnutzt und das ist mir am Anfang häufiger passiert, jetzt nicht mehr so häufig […] dann steht man natürlich sozusagen ohne Schild da. Weil man normaler/also man kann wenn man will, also es gibt die Arbeit und da kann man sozusagen eine Maske aufbauen und sagen welches ist mein Arbeitsfeld und da gibt es keine Berührungen mit mir privat, sobald ich raus bin ist das Private zu Ende und weil sich das bei mir eben alles so ein bisschen ergibt, habe ich eben dieses Schutzschild. Das schützt mich einerseits davor, dass alles zusammen bricht, weil es einfach zuviel ist, aber andererseits schützt es mich nicht davor, dass ich dann eben manchmal auch im tiefsten Inneren getroffen bin, wenn irgendwas schief geht, dass mich das dann eben auch sehr beschäftigt.“ (AP Sonja, Z. 153 ff.).
Sonja bringt damit zum Ausdruck, dass sie im Bereich der Erwerbsarbeit bereits gut mit einem Schutzschild arbeitet, jedoch Schwierigkeiten hat, wenn sich ihr privater Bereich (also auch die frei-gemeinnützige Tätigkeit) und ihr beruflicher Bereich miteinander vermischen. Es kommt vor, dass sie Projekte aus ihrem freiwilligen Engagement mit ihrer Erwerbsarbeit verknüpft und genau an dieser Schnittstelle ergeben sich für sie Probleme. Sie hat dann unter Umständen Schwierigkeiten professionelle Distanz zu wahren.
Abbildung 10: Subjektives Modell auf Basis einer Principal Component Analysis: 1. und 3. Dimension (Sonja)
Eine dritte Dimension spannt sich zwischen den Polen Entwicklung und Stagnation auf. Erwerbsarbeit ist dem Pol der Stagnation näher, während frei-gemeinnützige Tätigkeit, das Ideal und die Freizeitaktivität in Richtung Entwicklung weisen. Hier sind die Unterschiede zwischen den Elementen allerdings nicht so groß wie auf den beiden anderen Dimensionen.
Ein interessanter Aspekt eröffnet sich in Abbildung 10: so zeigt sich, dass Entwicklung einhergeht mit einer inneren Bereitschaft, während Stagnation in Verbindung mit Pflicht und Distanz steht. Sonja beschreibt ihre Erwerbsarbeit im Interview als insgesamt positiv, dennoch ist der Weg zum Ziel bei der Erwerbsarbeit länger und beschwerlicher als bei der freiwilligen Arbeit. Stören, Distanz und Pflicht sind Themen der Erwerbsarbeit, nicht jedoch der freiwilligen Arbeit oder der idealen Beschäftigung.
4.2 Engagement und Erwerbsarbeit im Vergleich: Interviewübergreifende Ergebnisse
Während der Auswertung der Einzelfälle wurde deutlich, dass freiwillige Arbeit und Erwerbsarbeit in unterschiedlichen Bedeutungsräumen verortet werden und unterschiedliche Merkmale von Bedeutung sind. Es schien interessant, diese Besonderheit für die Gesamtheit der 20 Interviews zu überprüfen. Hierzu wurden die persönlichen Konstrukte sämtlicher Interviews inhaltsanalytisch untersucht und es wurden Kategorien bzw. Themen11 identifiziert.
So wurden je Interview durchschnittlich 10 Tätigkeiten mit 9 Konstruktpaaren bewertet, insgesamt entstanden 172 verschiedene Konstruktpaare. Bei 68 davon wurden die freiwillige Arbeit und die Erwerbsarbeit ähnlich bewertet, d.h. der gleiche Pol des Konstruktpaares wurde gewählt, um die Tätigkeit zu beschreiben. Auf dieser Basis können Gemeinsamkeiten der beiden Tätigkeitsformen identifiziert werden (Abb. 11).
Abbildung 11 zeigt in kursiver Schrift die inhaltsanalytisch identifizierten Kategorien, wobei jeweils einige der persönlichen Konstrukte als Beispiele genannt werden, um zu zeigen, was sich hinter diesen Kategorien verbirgt.
Im Hinblick auf die Diskussion um einen erweiterten Arbeitsbegriff ist interessant, dass die wichtigste Gemeinsamkeit von frei-gemeinnütziger Tätigkeit und Erwerbsarbeit das Thema „Arbeit“ war (Abb. 11). Dieser Befund untermauert unsere Annahme, dass auch freiwilliges Engagement aus subjektiver Sicht als Arbeitstätigkeit wahrgenommen wird, auch wenn es weitere Qualitätsmerkmale gibt, welche sie wiederum von der Erwerbsarbeit abgrenzen.
Abbildung 11: Kategorisierung der 68 Konstrukte, die in gleicher Weise auf freiwillige Arbeit und auf Erwerbsarbeit angewendet werden
Bei den übrigen 104 Konstruktpaaren wurden die entgegen gesetzten Pole zur Bewertung gewählt, was bedeutet, dass hier die Unterschiede zwischen freiwilliger Arbeit und Erwerbsarbeit sichtbar werden. Um zu identifizieren, welche Themen für die jeweilige Tätigkeit von differenzierender Bedeutung sind, wurde die Gesamtheit der persönlichen Konstrukte aus den 20 Einzelfällen inhaltsanalytisch sortiert. Anschließend wurde ermittelt, welche Themen jeweils auf Erwerbsarbeit und auf freiwillige Arbeit zutrafen (Abb. 12). Diese Sortierung unterscheidet sich insofern von Abb. 11, als dass die Kategorien für alle bewerteten Tätigkeiten (also z.B. auch Freizeitaktivität, Familienarbeit, Hausarbeit, usw.) gültig sind, nicht nur für frei-gemeinnützige Tätigkeit bzw. Erwerbsarbeit.
In Abbildung 12 ist zu erkennen, welche Konstrukte in differenzierender Weise auf die Bewertung von frei-gemeinnütziger Tätigkeit und Erwerbsarbeit angewendet werden.
Abbildung 12: Themen der 104 persönlichen Konstrukte aus der gesamten Stichprobe, inhaltlich sortiert mit prozentualer Verteilung jeweils zu Erwerbsarbeit und frei-gemeinnütziger Tätigkeit
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Bereich „sonstige“, welcher in Hinblick auf die freiwillige Arbeit immerhin 52% einnimmt. Freiwillige Arbeit wird als vielschichtige Tätigkeit beschrieben, einige der persönlichen Konstrukte, die nur auf freiwillige, nicht aber auf Erwerbsarbeit angewendet werden, sollen genannt werden:
Selbstverständlichkeit, Unterstützung vertrauter Personen, Selbstentwicklung, geistig schöpferisch, Vertrauen aufbauen, organisieren, immer was Neues, öffentlich, Anerkennung, innerliche Beteiligung, Heimatgefühl, Jugend, nach außen wirken, Ordnung und Sauberkeit, Freizeit, Herausforderungen, spontan, emotionale Verbindung, sinnvolle Tätigkeit, Moral, aktive Bewegung, ich kann variieren, geistige Ablenkung, auf Interessen eingehen, Persönlichkeit ausleben, völlige innere Öffnung, wollen, angreifbar, Stress, Weiterbildung, Arbeit mit Kindern, unregelmäßig, …
Der Bezugsrahmen der Konstrukte für freiwillige Arbeit ist demnach weiter gefasst als der für Erwerbsarbeit. Daneben ist zu erkennen, welche Themen jeweils dominierend für die beiden Arbeitsformen sind. In den vorliegenden 20 Einzelfällen sind die Themen Pflicht, Routine, Leistung und Existenz mit gemeinsamen 46% bestimmend für die Wahrnehmung der Erwerbsarbeit, während sie in Bezug auf freiwillig geleistete Arbeit lediglich in 10 % der persönlichen Konstrukte eine Rolle spielen. Wohlbefinden, Gemeinschaft und Abwechslung kennzeichnen freiwillige Arbeit (35%), bei der Erwerbsarbeit spielen diese Aspekte eine untergeordnete Rolle (8%).
Vor dem Hintergrund unserer Forschungsziele lassen sich also folgende Zwischenergebnisse festhalten:
Es gibt ein gemeinsames Bedeutungsspektrum für frei-gemeinnützige und Erwerbsarbeit. Dieses umfasst Aspekte von Pflicht, Öffentlichkeit, Wohlbefinden, Anstrengung, Anspruch, Entwicklung, Anerkennung und Aktivität.
Es gibt ein differenzierendes Bedeutungsspektrum zwischen beiden Arbeitsformen. Frei-gemeinnützige Arbeit weist Qualitäten auf, die Erwerbsarbeit in den Augen der Befragten nicht oder nicht in diesem Maße hat. Diese Aspekte sind vielfältig, dazu gehören Gemeinschaftssinn, Offenheit, emotionales Engagement, Moral, Sinn u. v. a.
Auf einem gedachten Kontinuum zwischen der Idealvorstellung von Arbeit und der real erlebten Arbeit befindet sich die frei-gemeinnützige Arbeit näher am Ideal als die Erwerbsarbeit. Dieses gedachte Kontinuum muss durch weitere Forschung begrifflich näher bestimmt werden, bevor diese Relationen in Hypothesenform empirisch überprüft werden können.
Eine Systematisierung auf Basis weiterer Einzelfälle und intersubjektiver Vergleiche erscheint daher sinnvoll und notwendig.
11 Bei diesem Auswertungsschritt wurden die Besonderheiten der Einzelfälle sowie die Narrationen bewusst vernachlässigt.
Über narrative Grid-Interviews konnten Eigenschaften und Merkmale von verschiedenen Arbeitsformen differenziert expliziert werden. Der Mehrwert dieser Methode liegt in der Freiheit der Interviewpartner, eigene Kategorien bilden zu dürfen, denn die einzige Vorgabe sind die Tätigkeiten, zu welchen sie Aussagen treffen sollen.
Wir konnten feststellen, dass freiwillige Arbeit eine eigene Motiv- und Sinnstruktur aufweist, wobei diese in vielen Interviews ähnlich der Vorstellung einer idealen Beschäftigung bewertet wurde. Die Auskunftspersonen nehmen frei-gemeinnützige Tätigkeit als eine Form von Arbeit war, in dieser Hinsicht wurde die freiwillige Arbeit ähnlich wie z.B. Erwerbsarbeit bewertet. Dennoch weist die freiwillige Arbeit besondere Qualitätsmerkmale auf, welche sie von der Erwerbsarbeit abgrenzt, etwa wenn es um das Zulassen von Emotionen oder Selbstbestimmung bei der Arbeit geht.
Die Ergebnisse auf Einzelfallebene konnten interessante Zusammenhänge zeigen, so wurden die frei-gemeinnützige Tätigkeit, die Erwerbsarbeit und auch die ideale Beschäftigung als Tätigkeiten beschrieben, welche Handeln im öffentlichen Raum erforderlich machen. Trotz dieser Gemeinsamkeit wird jedoch differenziert: Während bei freiwilliger Arbeit und Ideal das gemeinsame Handeln und Teamarbeit betont werden, sehen sich die Befragten in Bezug auf die Erwerbsarbeit auch in der Situation des Einzelkämpfers. Und noch ein weiterer Unterschied war von Bedeutung: Sich öffnen und Vertrauen wurden als Merkmale freiwilliger Arbeit und Ideal genannt und als Voraussetzung für die persönliche Entwicklung gesehen. Mit professioneller Distanz innerhalb der Erwerbsarbeit geht aus subjektiver Sicht die Gefahr der Stagnation einher.
Bei der vergleichenden Auswertung mehrerer Interviews wurde deutlich, welcher Facettenreichtum sich in Bezug auf die Bewertung freiwilliger Arbeit eröffnet. Die freie, qualitative Herangehensweise offenbarte eine Vielzahl persönlicher Konstrukte, welche individuell freiwillige Arbeit charakterisieren. Im Vergleich zu Erwerbsarbeit, Hausarbeit oder auch Familienarbeit wurde überraschend deutlich, dass freiwillige Arbeit auf sehr persönliche, individuelle Weise wahrgenommen und beschrieben wird. Es braucht mehr Kategorien um diese Form von Arbeit zu beschreiben, als bisher angenommen.
Die Studie zeigt, dass Menschen Erwerbsarbeit und frei-gemeinnützige Arbeit in unterschiedlichen Bedeutungsräumen konstruieren. In Bezug auf die aktuelle Diskussion um die Formalisierung freiwilliger Tätigkeit in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft können diese Hinweise wichtig sein. So weist bspw. Knöbelspieß (2002) auf mögliche Folgen hin: „So berechtigt unsere Forderungen nach Begleitung und Qualifizierung von Freiwilligen sind […] – so problematisch können die Folgen sein. Das Ehrenamt wird strukturell in die Nähe der Erwerbsarbeit gerückt, das schreckt manchen ab, der gerade das unabhängige Tun, die nicht geregelte Tätigkeit sucht […]“ (ebd. S. 158).
Aus der Sicht von Akteuren, welche sowohl Erfahrung mit Erwerbsarbeit als auch mit freiwilliger Arbeit und anderen Arbeitstätigkeiten haben, wird einheitlich deutlich: Der Begriff „Arbeit“ umfasst nicht nur Erwerbsarbeit. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Formen von Arbeit, aber auch Unterschiede. Die Gemeinsamkeiten sprechen für einen erweiterten Arbeitsbegriff, da sie den Kern dessen beschreiben, was wir als Arbeit und Tätigsein definieren, und nicht etwa die frei-gemeinnützige Tätigkeit in einen Bereich außerhalb „richtiger“ Arbeit verschieben. Die Unterschiede sprechen ebenfalls für einen erweiterten Arbeitsbegriff, da sie auf notwendige Differenzierungen innerhalb dieser Tätigkeiten und ihrer Kontexte verweisen. In einem erweiterten Verständnis von Arbeit ist es wichtig zu wissen, wo Erwerbsarbeit, frei-gemeinnützige Arbeit, Hausarbeit oder Familienarbeit anfangen und aufhören, sich überschneiden und sich klar abgrenzen lassen. Die unterschiedliche Bewertung von freiwilliger Arbeit und Erwerbsarbeit illustriert, welche Qualitätsmerkmale die jeweilige Arbeitstätigkeit kennzeichnen und welche neuen Gestaltungsoptionen sich daraus ableiten lassen. Empfundene und wahrgenommene Verantwortlichkeit, gesellschaftliche Integrationskraft sowie die sich daraus ergebende Bedeutsamkeit einer Tätigkeit wären eine mögliche Denkrichtung.
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