Mit dem Einzug der Informationstechnologie kamen zu den bisherigen Formen der technischen Kommunikationsmittel (Brief, Telefon, Fax etc.) auch virtuelle Medien hinzu. Durch sie realisierte sich die Idee des „anytime-anyplace“-Prinzips (Picot, Reichwald & Wigand, 2003) am deutlichsten. Es ist dabei nicht grundsätzlich festzustellen, dass durch den Einsatz neuer Medien alte einfach ersetzt werden. Dies gilt insbesondere für die direkte, persönliche Begegnung, quasi das andere Ende des Kommunikationsmedien-Spektrums. Ihre Wichtigkeit erfuhr dadurch sogar eher einen Aufschwung. Je virtueller die Zusammenarbeit, so scheint es, desto wichtiger werden persönliche Beziehungen und Begegnungen. So ist zu beobachten, dass die verschiedenen Medien, je nach Situation, abwechselnd oder auch ergänzend eingesetzt werden. Nach welchen Prinzipien dies geschieht, ist eine weitgehend ungeklärte, aber hoch relevante Frage.
Die vorliegende Untersuchung greift einen Ausschnitt aus diesem Problemkreis heraus und wendet sich der Frage nach der Koexistenz zweier Medien zu: der direkten Kommunikation in Form der persönlichen, face-to-face-Begegnung (im Weiteren mit f2f bezeichnet) und der computervermittelten Kommunikation (cvK). Wenn wir von Koexistenz sprechen, dann ist damit gemeint, dass beide Medien gleichzeitig zur Verfügung stehen, ungeachtet ihrer jeweiligen Eignung. Es geht um die Fragen, nach welchen Prinzipien diese beiden Medien in bestimmten Situationen gewählt werden und welche Probleme sich beim Übergang von einem zum anderen Medium ergeben.
Die Studie wurde in einem interorganisationalen Netzwerk („Sonet – Sozialorientiertes Netzwerk für Ideentausch“) durchgeführt, dessen Besonderheit in der Idee des virtuellen Ideentauschs bestand. Der virtuelle Ideentausch war als Weiterführung der betrieblichen Verbesserungssysteme konzipiert und sollte den Austausch von Verbesserungsvorschlägen, Ideen und Problemlösungen über die betrieblichen Grenzen hinweg ermöglichen. Neben persönlichen Begegnungen wurde dieser Austausch auch durch eine Internet-Plattform unterstützt.
Untersucht wurde die Koordinationsgruppe, ein Gremium, das sich aus Vertretern der Netzwerkpartner zusammensetzte. Dessen Aufgabe war die Abstimmung gemeinsamer Aktivitäten. Ein konzeptioneller Bestandteil der Zusammenarbeit in der Koordinationsgruppe bestand darin, dass sowohl in Form der persönlichen Begegnung als auch über virtuelle Medien kommuniziert werden sollte. Mit halbstrukturierten Interviews, einem Fragebogen und der teilnehmenden Beobachtung wurde untersucht, in welchem Verhältnis die beiden Medien bei der Bewältigung der dabei anfallenden Aufgaben zueinander stehen.
Zunächst wird kurz auf theoretische Aspekte zu den Themen Kooperation und virtuelle Organisationen eingegangen. Danach werden Grundlagen der beiden Kommunikationsformen umrissen. Im Anschluss daran werden die empirische Studie sowie deren Implikationen vorgestellt.