Empirische Arbeitsforschung
Empirische Beiträge aus der Psychologie, Soziologie und Pädagogik der Arbeit
Herausgegeben von Prof. Michael Dick & Prof. Theo Wehner
ISSN 1614-1415    
 
 
         

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   Empirische Arbeitsforschung, Ausgabe 2

3 CvK und f2f: Grundlagen und Modellierungsmodelle

Rice (1993) stellt für sieben untersuchte Kommunikationsmedien zwei Dimensionen als charakteristisch dar: interpersonal – mediated sowie als zweite synchronous – asynchronous. F2f und cvK liegen erfahrungsgemäß an unterschiedlichen Polen dieser zwei Dimensionen. CvK ist der Oberbegriff für unterschiedliche Anwendungsformen der elektronischen Übermittlung, Speicherung und des Abrufes entsprechender Informationen. Tabelle 2 fasst die Hauptformen zusammen:

Tabelle 2: Hauptformen computervermittelter Kommunikation
(nach Scholl, Pelz & Rade, 1996, S. 23).
 

Zwei Personen

Beliebige Personenzahl

Simultan

Elektronische Botschaft

Computerkonferenz

Zeitlich unabhängig

Elektronischer Brief (Email)

Elektronisches Diskussionsforum


Über diese vier Hauptformen hinaus soll für die Zwecke unserer Untersuchung auf einige Aspekte der Medienwahl eingegangen werden. Wir lehnen uns dabei an die Modellierung der cvK von Döring (1999, 2003) an, die breite Anerkennung in der Literatur gefunden hat (Grothe, 2001; Musch, 2001; Ott, 2000).

Danach werden vorrangig drei Ebenen untersucht und diskutiert (Döring, 1999, S. 209; Scholl et al., 1996).

  1. Nutzungssituation
    Sie stellt individuell auf die Anwendung eines Medium, z. B. das Senden einer Email, zu bestimmter Zeit, Ort und Anlass ab.
  2. Lebenswelt/Mikroebene
    Durch die Zusammenfassung von Nutzungssituationen einer einzelnen Person baut sich deren Lebenswelt auf. So können ihre f2f-Kontakte beispielsweise durch cvK ersetzt werden.
  3. Gesellschaft/Makroebene
    In der dritten Ebene wird auf die Kommunizierenden insgesamt geschaut. Es ergeben sich Fragen wie: Ersetzt das Internet bisherige Auskunftsstellen wie Bibliotheken? Welche Informationen von heute werden zukünftigen Generationen vor dem Hintergrund der Archivierbarkeit der Datenträger noch zugänglich sein?

Für die vorliegende Untersuchung gehen wir insbesondere auf die Ebenen 1 und 2 ein, indem individuell nach bevorzugten Medien für bestimmte Aufgaben und Erfahrungen damit gefragt wird. Für die Ebene 1 wird das Modell der Rationalen Medienwahl, für die Ebene 2 das Modell der Normativen Medienwahl relevant. Beide Modelle werden daher zunächst vorgestellt.


3.1 Kosten-Nutzen-Abwägung: Die Rationale Medienwahl

Das Modell der Rationalen Medienwahl beschäftigt sich mit der Frage, unter welchen Bedingungen/bei welchen Anlässen überhaupt computervermittelt oder f2f kommuniziert wird bzw. werden sollte. Anwendungen der Rationalen Medienwahl bestehen in der Kosten-Nutzen-Abwägung, z. B. für die Substitution von Geschäftsreisen durch medial vermittelte Kontakte (Ollmann, 1989).

Das Modell geht bei der cvK generell von subjektiver Verarmung aus, da nur digitale Zeichen und keine Mimik, Gestik, Tonfall usw. übertragen werden können. Die Verarmung der Kommunikation bzw. das Vorhandensein persönlicher Nähe in Abhängigkeit von der Medienwahl wird hierbei mit den Konzepten sozialer Präsenz, medialer Reichhaltigkeit und Backchannel-Feedback strukturiert. Hohe soziale Präsenz (social presence) in einer medial vermittelten Kommunikation bedeutet, dass die Kontakte persönlich, warm, sensibel und gesellig empfundenen werden (Short, Williams & Christie, 1976, zit. nach Döring, 1999, S. 216). Dadurch wird die Abhängigkeit vom subjektiven Eindruck beim Mediengebrauch der Beteiligten deutlich. Mediale Reichhaltigkeit (medial richness) ist umso größer, je besser ein Medium mehrdeutige Botschaften übermittelt und den Umgang mit Mehrdeutigkeit unterstützt (Daft & Lengel, 1984; 1986). Ein aussagekräftiges Backchannel-Feedback ist durch viele explizite und implizite Möglichkeiten gekennzeichnet, die zur wechselseitigen Rückmeldung und zum Verständnis der aktuellen Situation genutzt werden können (Clark & Brennan, 1991). In einem persönlichen Gespräch kann, z. B. durch leichtes Nicken oder eine Handbewegung, die Verständigung auf ein gemeinsames Vorgehen schnell erfolgen. Der Aufbau einer gemeinsamen Wissensbasis als Verständigungsgrundlage (sog. grounding) wird so durch gegenseitige Sicht- und Hörbarkeit, vereinfacht. In Untersuchungen erfolgt die Erhebung von Kosten und Nutzen in Bezug auf die drei verschiedenen Dimensionen in der Regel in Form von subjektiver Bewertung durch die Mediennutzer.

Das Konstrukt der medialen Reichhaltigkeit wurde von Ferry, Kydd & Sawyer (2004) in drei Kategorien aufgefächert und für elektronische Post, f2f, geschriebenes Memo sowie Telefon untersucht. Die berechneten Werte auf der Fünf-Punkte-Skala wurden aus 13 diskriminanten Items erhalten und in Tabelle 3 mit den Werten der 100-Punkte-Skala (vgl. Trevino, Lengel, Bodensteiner, Gerloff & Muir, 1990) verglichen.

Tabelle 3: Mediale Reichhaltigkeit von Individualmedien insgesamt sowie auf den Skalen Vielfältigkeit der Kanäle, Unmittelbarkeit des Feedbacks und auf persönliche Nähe (nach Ferry et al., 2004, p. 72, Standardabweichungen in Klammern).

 

Email

F2f

Memo

Telefon

Mediale Reichhaltigkeit
(Skala nach Trevino et al., 1990 )

52.55
(26.00)

97.36
(7.56)

44.71
(26.14)

81.86
(15.78)

Vielfältigkeit der Kanäle
„Multiple Channels“

1.30
(0.42)

4.82
(0.41)

1.39
(0.62)

2.98
(0.56)

Unmittelbarkeit des Feedbacks
„Immediacy of Feedback“

3.32
(0.52)

3.38
(0.45)

4.14
(0.67)

3.12
(0.45)

Persönliche Nähe
„Personalness“

2.67
(0.32)

3.45
(0.41)

2.61
(0.38)

3.20
(0.34)


Tabelle 3 ermöglicht eine Orientierung für die empfundene Reichhaltigkeit der einzelnen Medien gegliedert nach der Vielfältigkeit der Kanäle (Hören, Sehen, Fühlen), der Unmittelbarkeit des Feedbacks sowie der persönliche Empfindung. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Clark & Brennan (1991, p. 142), die Backchannel-Feedback untersuchten. Darin werden für f2f, Video-Konferenz und Telefon hohe Werte, für Brief und Email dagegen geringe Backchannel-Feedback-Werte festgestellt.

Solche Hierarchien, wie hier beispielhaft illustriert, bilden die Grundlage für die Medienwahl unter Berücksichtigung der Kosten. Eine rationale Medienwahl gestaltet sich in der Weise, dass die kommunizierenden Personen das Medium gemäß dem von ihnen gewünschten Grad der persönlichen Nähe wählen (Döring, 2003). Zu hohe soziale Präsenz bedeutet unnötigen Mehraufwand und kann zu Verwirrungen führen. Eine zu geringe soziale Präsenz kann unpersönlich wirken und wichtige Fragen ungeklärt lassen, kurz den Kommunikationserfolg sozioemotional und sachlich gefährden. Abweichungen führen zu Störpotenzialen.

Die Validität von Ranglisten wurde durch Rice (1993) auf die Kontextstabilität untersucht, d. h. auf Konstanz unter verschiedenen situative Bedingungen. Es wurden sieben Medien und sechs Studien einbezogen und eine Stabilität hinsichtlich der Organisationszugehörigkeit, beruflichen Zugehörigkeit und Medienerfahrung nachgewiesen. In der Bewertung war f2f in allen Dimensionen stabil. Virtuelle Medien waren in zeitlicher Hinsicht nur teilweise stabil. In Tabelle 4 ist die Media Appropriateness zusammengefasst:

Tabelle 4: Welches Medium ist für welche Kommunikationsaufgabe geeignet?
(nach Rice, 1993, p. 463, ausschnittsweise).

Rang

F2f

Telefon

Email

1

Kennenlernen

Fragen stellen

Informieren

2

Fragen stellen

In Verbindung bleiben

Fragen stellen

3

Einigung erzielen

Schnell informieren

In Verbindung bleiben

4

Verhandeln

Informieren

Schnell informieren

5

Vertraulich informieren

Entscheiden

Neue Ideen finden

6

Entscheiden

Einigung erzielen

Entscheiden

7

Neue Ideen finden

Verhandeln

Einigung erzielen

8

Informieren

Neue Ideen finden

Vertraulich informieren

9

In Verbindung bleiben

Kennenlernen

Verhandeln

10

Schnell informieren

Vertraulich informieren

Kennenlernen


Eine Betrachtung der Medienwahl gänzlich unabhängig vom Kontext erscheint jedoch nicht angebracht. Eine f2f-Gruppe, die sich ergänzend über eine Mailing-Liste austauscht, wird diese nicht in dem Sinne zum Kennenlernen nutzen wie etwa internationale Experten, die eine Mailing-Liste gerade dazu anwenden.

Die Angemessenheit der Medien wird inzwischen durch das Kognitive Modell der Medienwahl (Robert & Dennis, 2005) ergänzt. Dieses geht von zwei Voraussetzungen aus: Die Person muss motiviert und in der Lage sein, die Information zu übermitteln. Dementsprechend werden Botschaften mit hoher sozialer Präsenz eine hohe Motivation hervorrufen, jedoch gestaltet sich die Übermittlung aufwändiger. Geringe soziale Präsenz bringt sinkende Motivation bei weniger Aufwand mit sich. Analog gilt dies für den Empfänger von Informationen. Hohe Mediale Reichhaltigkeit wirkt somit ambivalent auf die Wahl eines bestimmten Mediums.

Welche Nutzenfunktionen in Abhängigkeit von der Nutzerkategorie vorliegen, sei anhand der Studie von Schenk, Dahm & Sonje (1995) gezeigt. 70 überwiegend berufliche, 73 überwiegend private Internet-Nutzer und 123 computererfahrene Nicht-Internet-Nutzer wurden befragt, welche Vorteile und Probleme mit dem Netzgebrauch für sie verbunden sind:

Tabelle 5: Einschätzung von Datenfernübertragung in drei Gruppen
(nach Schenk et al., 1995, S. 147).

 

Berufliche Nutzer

Private Nutzer

Nicht-Nutzer

Vorteile

Direkter Informationszugang, Schnelligkeit und Selbständigkeit der Arbeitserledigung, Erreichbarkeit, Flexibilität

Information, Bildungsmöglichkeit und Unterhaltung, Verbesserung von persönlichen Kontakten; Erleb­nisvielfalt

Information, Bildungsmöglichkeit und Unterhaltung - nur skeptischer hinsichtlich der Problemlösungskapazität

Probleme

Hohe Kosten sowie Datenschutzgefährdung

 

Informationsflut, Leistungsdruck

Informationsflut

Verschlechterung von
Kontakten


Berufliche Nutzer greifen also auf ein Netz zurück, da sie so direkt Informationen erhalten und schnell ihre Arbeit erledigen können. Dabei bleibt die hohe Erreichbarkeit gewährleistet.
Es bleibt, ähnlich wie bei ökonomischen und rechtlichen Entscheidungen, die Frage, ob eine rationale Medienwahl generell nur eingeschränkt möglich ist. Durch eine Vielzahl von Entscheidungen werden Menschen kognitiv überlastet (Jolls, Sunstein & Thaler, 1998), man spricht allgemein von eingeschränkter Rationalität (Gigerenzer & Goldstein, 1996).

Die Rationale Medienwahl, wonach ein Medium je nach Anlass als geeignet bewertet wird, und dann auch bereichern kann, erfährt weitere Einschränkungen, wie die Theorie der Normativen Medienwahl zeigt.

3.2 Soziales Umfeld und Bedienkompetenz: Die Normative Medienwahl

Fulk, Schmitz & Steinfeld (1990) formulieren im Social Influence Model of Technology Use den Einfluss von sozialen Normen und individueller Bedienkompetenz auf die Mediennutzung am Arbeitsplatz. Sie konnten zeigen, dass die individuelle Verwendung von Emails zunimmt, wenn sie auch allgemein im Kollegenkreis verbreitet sind. Auch Trevino, Webster & Stein (2000) konnten anhand von Befragungen bei 1704 Mitarbeitern zeigen, dass die Medienwahl für alle untersuchten Medien von der Einstellung des jeweiligen Empfängers zu diesem Medium abhängt. Emails und Briefe werden nach diesen Untersuchungen häufiger bei diesbezüglich positiven Einstellungen der Kollegen und Vorgesetzten verwendet.

Die Medienbewertungen werden bei dieser Theorie nicht als merkmalsbezogen vorgenommen, sondern als soziale Konstruktionen, d. h. durch die soziale Umwelt bestimmt (Hiltz & Turoff, 1993). Soziale Präsenz und elektronische Nähe (Korzenny, 1978) werden bei der Normativen Medienwahl durch Bedienungskompetenz beeinflusst. Wie die meisten Techniken bereitet auch cvK dem ungewohnten, langsamen Nutzer weniger Freude als dem Geübten, der Akronyme und Abkürzungen gut kennt, schnell tippt und auch Flow-Erlebnisse (Csikzentmihalyi, 1990) hat.

Die Normative Medienwahl betont die soziale Komponente. Die Bewertung der cvK hat Einfluss auf die Akzeptanz und Nutzung im Arbeitsalltag und umgekehrt. Nutzungsnormen wirken in Organisationen verstärkt, wodurch auch damit verbundene medienbedingte Kommunikationsstörungen zu erwarten sind: Ein Medium wird wegen Vorurteilen nicht genutzt oder (ausschließlich) Prestigegründe bewirken eine starke Nutzung (Döring, 2003).

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