Empirische Arbeitsforschung
Empirische Beiträge aus der Psychologie, Soziologie und Pädagogik der Arbeit
Herausgegeben von Prof. Michael Dick & Prof. Theo Wehner
ISSN 1614-1415    
 
 
         

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   Empirische Arbeitsforschung, Ausgabe 2

6 Ergebnisse

Die einzelnen Interviews wurden mittels der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring, 2000) ausgewertet. Nachfolgend sind die einzelnen Interviews entlang der Fragestellungen zusammengefasst.

6.1 Aussagen der Teilnehmer im Interview

Aus den Antworten lassen sich zu den o.g. Schwerpunkten folgende Aussagen zusammenfassen:

Erwartungen an Sonet: Es wurden sehr hohe Erwartungen bei der Problemlösung sowie bei der Ausweitung des persönlichen Beziehungsnetzes geäußert. Manche Teilnehmer hatten auch „geringe Erwartungen”. Das Sonet-Projekt wurde als realisierbar erachtet. Der Koordinationsgruppe selbst wurde eher geringere Bedeutung zugeschrieben.

Erfahrungen mit Kommunikationsmitteln: Alle Befragten besaßen Erfahrungen mit den Kommunikationsmedien Telefon, virtuelle Kommunikation (Email) und natürlich f2f. Erfahrungen mit weiteren Medien (wie Telekonferenz) wurden dagegen nur vereinzelt genannt. Erfahrungen mit den Kommunikationsmitteln lagen je nach beruflichen Tätigkeiten der Befragten in unterschiedlichen Ausmaßen vor. Die Basis-Erfahrungen, über die alle Befragten verfügten, sind im Durchschnitt sicher größer als bei anderen Betriebsangehörigen.

Einschätzung der Kommunikationsmittel: Die Vorteile der f2f-Kommunikation werden durch die erhöhte soziale Präsenz gekennzeichnet. Darin einbezogen sind persönlicher Kontakt, Feedback, Verständigungssicherheit und Zwischenmenschlichkeit. Zudem fördert f2f-Kommunikation Kreativität und „Gemütlichkeit“ in der Gruppe. Gleichartigkeit wie z. B. ähnliche hierarchische Funktion im Betrieb, Aufgabenbereich oder auch Interessen, die bei den Teilnehmenden vorausgesetzt werden, wurden ebenfalls als vorteilhaft angegeben. Als Nachteile wurden der Aufwand und die geringere Erreichbarkeit gesehen. Aufwand schließt hierbei Koordination, Zeit und Mobilität ein.

CvK verband nach den Aussagen der Mitglieder folgende Vorteile: weniger Aufwand (s. o.), Reflektiertheit, leichter Zugang sowie weniger Unterbrechungen bei der Arbeit. Bei extremem Zeitmangel kommen diese Vorteile jedoch nicht genügend zum Tragen. Zum Nachteil wirken sich sachliche Kälte, also wenig Persönliches, Anonymität und häufige Fehler (Rechtschreibung) aus, was als Verarmung empfunden wurde. Es wurden zugleich auftretende Probleme benannt. Die cvK funktionierte technisch nicht gleich zu Beginn und der Umgang mit den Tools musste erst persönlich angeeignet werden. Der Anreiz, Dokumente im Zusammenhang mit den Koordinationstätigkeiten zu lesen, war für viele zu gering. Die Befragten äußerten im Interview und bei den Sitzungen einen Bedarf für persönliche Kommunikation, um aufgrund der Komplexität der Diskussionsgegenstände eine Rückfragemöglichkeit zu haben.

Aufgaben bei der Sonet-Koordinationsgruppe: Die f2f-Kommunikation wurde den Antworten zu Folge bevorzugt eingesetzt bei Problemdiskussionen, für die Aufgabenverteilung in der Gruppe sowie zum Kennenlernen. Im Allgemeinen wurde sie zum vertraulichen Informieren, zur Ideenfindung und zum Verhandeln bevorzugt. CvK eignete sich bei rein sachlichen Fragen, für den Ideen-Speicher (ein Tool im virtuellen Netzwerk) und als Nachschlagemöglichkeit. Allgemein gab es die bevorzugte Verwendung zum Fragen stellen, (schnellen) Informationsaustausch sowie um in Verbindung zu bleiben. Das Telefon setzten die Befragten bei Fragen und schneller Information als Kommunikationsmittel ein. Andere Kommunikationsmittel wurden für diese Aufgaben als unpraktisch bzw. zu aufwendig eingestuft.

Tabelle 6 führt die nach ihrer Priorität genannten Aufgaben für drei Kommunikationswege zur Orientierung auf, wobei beim Telefon Rang 3 und 4 gleich bewertet wurden, ebenso ununterscheidbar blieben die ersten drei Ränge bei der Email. Ab Rang 5 bleiben die Unterschiede schwach, sodass es sich hier nur um eine Aufzählung handelt.

Tabelle 6: “Auf welches Medium wollen Sie bei welcher Aufgabe nicht verzichten?”

Rang

f2f

Telefon

Email

1

Neue Ideen finden

Fragen stellen

Fragen stellen

2

Kennenlernen

Schnell informieren

Informieren

3

Verhandeln

In Verbindung bleiben

In Verb. bleiben

4

Vertraulich informieren

Informieren

Neue Ideen finden

 

Fragen stellen

Streiten

Schnell informieren

 

Informieren

Vertraulich informieren

Kennenlernen

 

Streiten

Neue Ideen finden

Entscheiden

 

Entscheiden

Entscheiden

Streiten

 

In Verbindung bleiben

Kennenlernen

Vertraulich informieren

 

 

 

Verhandeln


6.2 Kommunikative Validierung im Rahmen der Abschluss-Sitzung

Um den Koordinationsgruppenmitgliedern eine Rückmeldung zu geben, wurde zwei Monate nach dem letzten Interview auf einer Sitzung über die Ergebnisse berichtet. Die Zusammenfassung lautete:

  • Gemeinsamkeiten: Direkte (f2f) und virtuelle Kommunikation ergänzten sich nach Meinung aller Befragten sehr sinnvoll und sind unverzichtbar.
  • Unterschiede: Die Nutzungshäufigkeiten und Erfahrungen mit den Kommunikationsmitteln variierten.
  • Gesamtbild: Beide Kommunikationswege wurden erfahrungsgemäß mit Vorteilen für Sonet eingesetzt. Das Hauptproblem stellt die Prioritätensetzung im betrieblichen Alltag dar. Die Prioritätensetzung bezieht sich auf die Probleme der Akteure, Zeit für die Koordinationstätigkeit und für den Ideentausch im betrieblichen Alltag zu finden.

Dieses Bild wurde von allen so akzeptiert, was für die kommunikative Validität der Ergebnisse (Scheele & Groeben, 1988) spricht.


6.3 Bezugnahme zu den Thesen

Die erste These zur angemessenen Berücksichtigung beider Kommunikationswege lässt sich durch die Aussagen der Interviewten stützen. Aufgabenspezifisch wurden beiden Kommunikations¬mitteln Vor- und Nachteile sowie Probleme zugeschrieben. Eine generelle Bevorzugung eines Mediums konnte nicht festgestellt werden. Jeder Befragte äußerte klar die gegenseitige Ergänzung der Kommunikationsformen.

In Bezug auf die zweite These lässt sich festhalten, dass der Übergang dann als problematisch erlebt wurde, wenn persönliche Voraus¬setzungen, also mangelnde Erfahrungen, Anreize und Schulung fehlten, oder gewisse Systemvoraussetzungen (z. B. Internet-Zugang) nicht gegeben waren. Überraschenderweise hatte niemand der Interviewten, außer dem Co-Programmierer der Plattform die Systematik der Plattform bis ins Detail verstanden oder praktisch nachvollziehen können.

Eine hohe Koexistenz von cvK und f2f ermöglichte eine aufgabenspezifisch günstige Wahl des Mittels. Ferner konnten sowohl positives Erleben für f2f als auch effiziente Informations¬verarbeitung bei der cvK zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beitragen.

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