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Koexistenz von face-to-face und virtueller Kommunikation beim netzwerkbasierten Ideentausch
Am Beispiel der Koordinationsgruppe eines interorganisationalen Netzwerks
von Stefan Hannemann, Albert Vollmer & Theo Wehner
Bei der Frage nach der Wahl von Kommunikationsmitteln werden durch die technischen Weiterentwicklungen neue Antworten nötig. Im arbeitspsychologischen Kontext wurde untersucht, welchen Anteil computervermittelte Kommunikation bei der Bewältigung von Koordinationsaufgaben in einem virtuellen Netzwerk ausmachen und welche Probleme beim Übergang von direkter zur computervermittelten Kommunikation auftraten.
Als Grundlage dienten halbstrukturierte Interviews mit allen sieben Mitgliedern einer Gruppe dieses Netzwerks, deren Aufgabe in der Koordination der Netzwerkaktivitäten bestand. Untersucht wurde die Medienwahl bei der Bewältigung der Aufgaben der Koordinationsgruppe.
Die Charakterisierungen von Vor- und Nachteilen der direkten und computervermittelten Kommunikation entsprechen bisherigen Forschungs-ergebnissen. Für die Aufgaben bei der Koordinationsgruppe wurde die direkte Kommunikation bei Problemdiskussionen, für die Aufgabenverteilung in der Gruppe sowie zum Kennenlernen bevorzugt. Computervermittelte Kommunikation eignete sich bei rein sachlichen Fragen sowie für Arbeiten auf der virtuellen Plattform, die für den Ideentausch zur Verfügung stand.
Praktische Schlussfolgerungen bezogen sich u. a. auf die Notwendigkeit von Schulungen zur computervermittelten Kommunikation, insbesondere zur Arbeit mit der Internet-Plattform.
Inhaltsverzeichnis
| 1 Einleitung |
| 2 Kooperation und virtuelle Organisation |
| 2.1 Kooperation in und zwischen Organisationen |
| 2.2 Virtuelle Organisation |
| 3 CvK und f2f: Grundlagen und Modellierungsmodelle |
| 3.1 Kosten-Nutzen-Abwägung: Die Rationale Medienwahl |
| 3.2 Soziales Umfeld und Bedienkompetenz: Die Normative Medienwahl |
| 4 Ziel der Untersuchung: CvK als Ergänzung oder Konkurrenz |
| 4.1 Das Sozialorientierte Netzwerk für Ideentausch als Untersuchungsgegenstand |
| 4.2 Thesen zur Koexistenz und zum Übergang von f2f zu cvK |
| 5 Durchführung der Untersuchung |
| 6 Ergebnisse |
| 6.1 Aussagen der Teilnehmer im Interview |
| 6.2 Kommunikative Validierung im Rahmen der Abschluss-Sitzung |
| 6.3 Bezugnahme zu den Thesen |
| 7 Diskussion, Interpretation und Gestaltungsvorschläge |
| 8 Ausblick auf weitere Forschungsaktivitäten |
| 9 Danksagung |
| 10 Literatur |
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1 Einleitung
Mit dem Einzug der Informationstechnologie kamen zu den bisherigen Formen der technischen Kommunikationsmittel (Brief, Telefon, Fax etc.) auch virtuelle Medien hinzu. Durch sie realisierte sich die Idee des „anytime-anyplace“-Prinzips (Picot, Reichwald & Wigand, 2003) am deutlichsten. Es ist dabei nicht grundsätzlich festzustellen, dass durch den Einsatz neuer Medien alte einfach ersetzt werden. Dies gilt insbesondere für die direkte, persönliche Begegnung, quasi das andere Ende des Kommunikationsmedien-Spektrums. Ihre Wichtigkeit erfuhr dadurch sogar eher einen Aufschwung. Je virtueller die Zusammenarbeit, so scheint es, desto wichtiger werden persönliche Beziehungen und Begegnungen. So ist zu beobachten, dass die verschiedenen Medien, je nach Situation, abwechselnd oder auch ergänzend eingesetzt werden. Nach welchen Prinzipien dies geschieht, ist eine weitgehend ungeklärte, aber hoch relevante Frage.
Die vorliegende Untersuchung greift einen Ausschnitt aus diesem Problemkreis heraus und wendet sich der Frage nach der Koexistenz zweier Medien zu: der direkten Kommunikation in Form der persönlichen, face-to-face-Begegnung (im Weiteren mit f2f bezeichnet) und der computervermittelten Kommunikation (cvK). Wenn wir von Koexistenz sprechen, dann ist damit gemeint, dass beide Medien gleichzeitig zur Verfügung stehen, ungeachtet ihrer jeweiligen Eignung. Es geht um die Fragen, nach welchen Prinzipien diese beiden Medien in bestimmten Situationen gewählt werden und welche Probleme sich beim Übergang von einem zum anderen Medium ergeben.
Die Studie wurde in einem interorganisationalen Netzwerk („Sonet – Sozialorientiertes Netzwerk für Ideentausch“) durchgeführt, dessen Besonderheit in der Idee des virtuellen Ideentauschs bestand. Der virtuelle Ideentausch war als Weiterführung der betrieblichen Verbesserungssysteme konzipiert und sollte den Austausch von Verbesserungsvorschlägen, Ideen und Problemlösungen über die betrieblichen Grenzen hinweg ermöglichen. Neben persönlichen Begegnungen wurde dieser Austausch auch durch eine Internet-Plattform unterstützt.
Untersucht wurde die Koordinationsgruppe, ein Gremium, das sich aus Vertretern der Netzwerkpartner zusammensetzte. Dessen Aufgabe war die Abstimmung gemeinsamer Aktivitäten. Ein konzeptioneller Bestandteil der Zusammenarbeit in der Koordinationsgruppe bestand darin, dass sowohl in Form der persönlichen Begegnung als auch über virtuelle Medien kommuniziert werden sollte. Mit halbstrukturierten Interviews, einem Fragebogen und der teilnehmenden Beobachtung wurde untersucht, in welchem Verhältnis die beiden Medien bei der Bewältigung der dabei anfallenden Aufgaben zueinander stehen.
Zunächst wird kurz auf theoretische Aspekte zu den Themen Kooperation und virtuelle Organisationen eingegangen. Danach werden Grundlagen der beiden Kommunikationsformen umrissen. Im Anschluss daran werden die empirische Studie sowie deren Implikationen vorgestellt.
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2 Kooperation und virtuelle Organisation
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2.1 Kooperation in und zwischen Organisationen
Kooperationen sind in erster Linie Zweckgemeinschaften. So definiert Balling (1998) in sehr allgemeiner Form: "Kooperation [wird] als freiwillige Form der Zusammenarbeit zwischen zwei oder mehr rechtlich und wirtschaftlich weitgehend selbständigen Unternehmen verstanden, bei der zum Zwecke einer besseren Zielerreichung der Beteiligten bestimmte Funktionen gemeinsam realisiert werden." (S. 8).
Je nach Betrachtungsebenen lassen sich unterschiedliche Kooperationsformen unterscheiden. So hat Link (2001) die folgende Kategorisierung aus der Literatur zusammengefasst:
| Tabelle 1: Kooperation im weiteren Sinne (nach Link, 2001, S. 56). |
Innerbetriebliche Koop. |
Zwischenbetriebliche Koop. |
Überbetriebliche Koop. |
Arbeit im Team |
Joint Ventures |
Kartelle |
Funktionale Kooperation |
Strategische Allianzen |
Handwerkskammern |
Zusammenarbeit im Konzern |
Unternehmensnetzwerke |
Vereine |
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Projektbezogene Koop. |
Interessengemeinschaften |
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Im Hinblick auf den Kooperationszweck lassen sich zumindest zwei wesentliche Unterscheidungen treffen. Kooperationen dienen entweder der gemeinsamen Erstellung eines verkäuflichen Produktes/Dienstleistung oder dem Austausch von Wissen über die betrieblichen Grenzen hinweg. Netzwerke im Produktionsbereich, wie etwa virtuelle Fabriken (z. B. www.virtuellefabrik.ch 1), erwarten dadurch die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch bessere Kooperation zwischen Unternehmen und Zulieferern, Technologieoptimierung, eine höhere Auslastung der Produktionskapazitäten und eine schnellere Lieferbereitschaft (Millarg, 1998, sowie Schuh, Millarg & Göransson, 1998). In wissensorientierten Netzwerken wie z. B. www.our-ideas.ch, www.ringofideas.de (vgl. Trommsdorf, 2002) geht es vor allem um den betriebsübergreifenden Austausch von Wissen, Ideen, Erfahrung und Verbesserungsvorschlägen. Zu den wissensorientierten Netzwerken ist auch das hier untersuchte Netzwerk Sonet zu zählen.
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2.2 Virtuelle Organisation
Virtuell meint hier flexibel sowie bisherige Grenzen und Verfahren überschreitend. www.techtarget.com definiert: “A virtual organization or company is one whose members are geographically apart, usually working by computer e-mail and groupware while appearing to others to be a single, unified organization with a real physical location.”
Paetau (2000) sieht die flexible Kommunikationstruktur auf Grundlage der losen Kopplung als charakteristisch an. Mit loser Kopplung wird erreicht, dass “... durch die höhere Autonomie der Teilsysteme behindernde starre Formalstrukturen minimiert, Komplexität reduziert und Flexibilität erhöht werden kann” (S. 131). Virtuelle Organisationen sind nicht mehr an herkömmliche Strukturen von Komponenten (Menschen, Gebäude, Maschinen) gebunden. Virtualität ist von daher nicht auf die Kommunikationsform beschränkt, sondern sie wirkt sich auch auf die Strukturen der Organisationsform aus.
Virtualität bezieht sich in der Regel auf zwei zentrale Aspekte der Kooperation: zum einen in einem betriebswirtschaftlichen Sinne auf die temporäre Konfiguration von Organisationen zur Leistungserbringung, zum anderen auf die informations- und kommunikationstechnische Vernetzung (Wüthrich & Phillip, 1998). Die beiden grundlegenden Wege der Kommunikation (f2f, cvK) werden in diesem Zusammenhang nachfolgend kurz dargestellt.
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3 CvK und f2f: Grundlagen und Modellierungsmodelle
Rice (1993) stellt für sieben untersuchte Kommunikationsmedien zwei Dimensionen als charakteristisch dar: interpersonal – mediated sowie als zweite synchronous – asynchronous. F2f und cvK liegen erfahrungsgemäß an unterschiedlichen Polen dieser zwei Dimensionen. CvK ist der Oberbegriff für unterschiedliche Anwendungsformen der elektronischen Übermittlung, Speicherung und des Abrufes entsprechender Informationen. Tabelle 2 fasst die Hauptformen zusammen:
Tabelle 2: Hauptformen computervermittelter Kommunikation
(nach Scholl, Pelz & Rade, 1996, S. 23). |
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Zwei Personen |
Beliebige Personenzahl |
Simultan |
Elektronische Botschaft |
Computerkonferenz |
Zeitlich unabhängig |
Elektronischer Brief (Email) |
Elektronisches Diskussionsforum |
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Über diese vier Hauptformen hinaus soll für die Zwecke unserer Untersuchung auf einige Aspekte der Medienwahl eingegangen werden. Wir lehnen uns dabei an die Modellierung der cvK von Döring (1999, 2003) an, die breite Anerkennung in der Literatur gefunden hat (Grothe, 2001; Musch, 2001; Ott, 2000).
Danach werden vorrangig drei Ebenen untersucht und diskutiert (Döring, 1999, S. 209; Scholl et al., 1996).
- Nutzungssituation
Sie stellt individuell auf die Anwendung eines Medium, z. B. das Senden einer Email, zu bestimmter Zeit, Ort und Anlass ab.
- Lebenswelt/Mikroebene
Durch die Zusammenfassung von Nutzungssituationen einer einzelnen Person baut sich deren Lebenswelt auf. So können ihre f2f-Kontakte beispielsweise durch cvK ersetzt werden.
- Gesellschaft/Makroebene
In der dritten Ebene wird auf die Kommunizierenden insgesamt geschaut. Es ergeben sich Fragen wie: Ersetzt das Internet bisherige Auskunftsstellen wie Bibliotheken? Welche Informationen von heute werden zukünftigen Generationen vor dem Hintergrund der Archivierbarkeit der Datenträger noch zugänglich sein?
Für die vorliegende Untersuchung gehen wir insbesondere auf die Ebenen 1 und 2 ein, indem individuell nach bevorzugten Medien für bestimmte Aufgaben und Erfahrungen damit gefragt wird. Für die Ebene 1 wird das Modell der Rationalen Medienwahl, für die Ebene 2 das Modell der Normativen Medienwahl relevant. Beide Modelle werden daher zunächst vorgestellt.
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3.1 Kosten-Nutzen-Abwägung: Die Rationale Medienwahl
Das Modell der Rationalen Medienwahl beschäftigt sich mit der Frage, unter welchen Bedingungen/bei welchen Anlässen überhaupt computervermittelt oder f2f kommuniziert wird bzw. werden sollte. Anwendungen der Rationalen Medienwahl bestehen in der Kosten-Nutzen-Abwägung, z. B. für die Substitution von Geschäftsreisen durch medial vermittelte Kontakte (Ollmann, 1989).
Das Modell geht bei der cvK generell von subjektiver Verarmung aus, da nur digitale Zeichen und keine Mimik, Gestik, Tonfall usw. übertragen werden können. Die Verarmung der Kommunikation bzw. das Vorhandensein persönlicher Nähe in Abhängigkeit von der Medienwahl wird hierbei mit den Konzepten sozialer Präsenz, medialer Reichhaltigkeit und Backchannel-Feedback strukturiert. Hohe soziale Präsenz (social presence) in einer medial vermittelten Kommunikation bedeutet, dass die Kontakte persönlich, warm, sensibel und gesellig empfundenen werden (Short, Williams & Christie, 1976, zit. nach Döring, 1999, S. 216). Dadurch wird die Abhängigkeit vom subjektiven Eindruck beim Mediengebrauch der Beteiligten deutlich. Mediale Reichhaltigkeit (medial richness) ist umso größer, je besser ein Medium mehrdeutige Botschaften übermittelt und den Umgang mit Mehrdeutigkeit unterstützt (Daft & Lengel, 1984; 1986). Ein aussagekräftiges Backchannel-Feedback ist durch viele explizite und implizite Möglichkeiten gekennzeichnet, die zur wechselseitigen Rückmeldung und zum Verständnis der aktuellen Situation genutzt werden können (Clark & Brennan, 1991). In einem persönlichen Gespräch kann, z. B. durch leichtes Nicken oder eine Handbewegung, die Verständigung auf ein gemeinsames Vorgehen schnell erfolgen. Der Aufbau einer gemeinsamen Wissensbasis als Verständigungsgrundlage (sog. grounding) wird so durch gegenseitige Sicht- und Hörbarkeit, vereinfacht. In Untersuchungen erfolgt die Erhebung von Kosten und Nutzen in Bezug auf die drei verschiedenen Dimensionen in der Regel in Form von subjektiver Bewertung durch die Mediennutzer.
Das Konstrukt der medialen Reichhaltigkeit wurde von Ferry, Kydd & Sawyer (2004) in drei Kategorien aufgefächert und für elektronische Post, f2f, geschriebenes Memo sowie Telefon untersucht. Die berechneten Werte auf der Fünf-Punkte-Skala wurden aus 13 diskriminanten Items erhalten und in Tabelle 3 mit den Werten der 100-Punkte-Skala (vgl. Trevino, Lengel, Bodensteiner, Gerloff & Muir, 1990) verglichen.
| Tabelle 3: Mediale Reichhaltigkeit von Individualmedien insgesamt sowie auf den Skalen Vielfältigkeit der Kanäle, Unmittelbarkeit des Feedbacks und auf persönliche Nähe (nach Ferry et al., 2004, p. 72, Standardabweichungen in Klammern). |
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Email |
F2f |
Memo |
Telefon |
Mediale Reichhaltigkeit
(Skala nach Trevino et al., 1990 ) |
52.55
(26.00) |
97.36
(7.56) |
44.71
(26.14) |
81.86
(15.78) |
Vielfältigkeit der Kanäle
„Multiple Channels“ |
1.30
(0.42) |
4.82
(0.41) |
1.39
(0.62) |
2.98
(0.56) |
Unmittelbarkeit des Feedbacks
„Immediacy of Feedback“ |
3.32
(0.52) |
3.38
(0.45) |
4.14
(0.67) |
3.12
(0.45) |
Persönliche Nähe
„Personalness“ |
2.67
(0.32) |
3.45
(0.41) |
2.61
(0.38) |
3.20
(0.34) |
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Tabelle 3 ermöglicht eine Orientierung für die empfundene Reichhaltigkeit der einzelnen Medien gegliedert nach der Vielfältigkeit der Kanäle (Hören, Sehen, Fühlen), der Unmittelbarkeit des Feedbacks sowie der persönliche Empfindung. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Clark & Brennan (1991, p. 142), die Backchannel-Feedback untersuchten. Darin werden für f2f, Video-Konferenz und Telefon hohe Werte, für Brief und Email dagegen geringe Backchannel-Feedback-Werte festgestellt.
Solche Hierarchien, wie hier beispielhaft illustriert, bilden die Grundlage für die Medienwahl unter Berücksichtigung der Kosten. Eine rationale Medienwahl gestaltet sich in der Weise, dass die kommunizierenden Personen das Medium gemäß dem von ihnen gewünschten Grad der persönlichen Nähe wählen (Döring, 2003). Zu hohe soziale Präsenz bedeutet unnötigen Mehraufwand und kann zu Verwirrungen führen. Eine zu geringe soziale Präsenz kann unpersönlich wirken und wichtige Fragen ungeklärt lassen, kurz den Kommunikationserfolg sozioemotional und sachlich gefährden. Abweichungen führen zu Störpotenzialen.
Die Validität von Ranglisten wurde durch Rice (1993) auf die Kontextstabilität untersucht, d. h. auf Konstanz unter verschiedenen situative Bedingungen. Es wurden sieben Medien und sechs Studien einbezogen und eine Stabilität hinsichtlich der Organisationszugehörigkeit, beruflichen Zugehörigkeit und Medienerfahrung nachgewiesen. In der Bewertung war f2f in allen Dimensionen stabil. Virtuelle Medien waren in zeitlicher Hinsicht nur teilweise stabil. In Tabelle 4 ist die Media Appropriateness zusammengefasst:
Tabelle 4: Welches Medium ist für welche Kommunikationsaufgabe geeignet?
(nach Rice, 1993, p. 463, ausschnittsweise). |
Rang |
F2f |
Telefon |
Email |
1 |
Kennenlernen |
Fragen stellen |
Informieren |
2 |
Fragen stellen |
In Verbindung bleiben |
Fragen stellen |
3 |
Einigung erzielen |
Schnell informieren |
In Verbindung bleiben |
4 |
Verhandeln |
Informieren |
Schnell informieren |
5 |
Vertraulich informieren |
Entscheiden |
Neue Ideen finden |
6 |
Entscheiden |
Einigung erzielen |
Entscheiden |
7 |
Neue Ideen finden |
Verhandeln |
Einigung erzielen |
8 |
Informieren |
Neue Ideen finden |
Vertraulich informieren |
9 |
In Verbindung bleiben |
Kennenlernen |
Verhandeln |
10 |
Schnell informieren |
Vertraulich informieren |
Kennenlernen |
|
Eine Betrachtung der Medienwahl gänzlich unabhängig vom Kontext erscheint jedoch nicht angebracht. Eine f2f-Gruppe, die sich ergänzend über eine Mailing-Liste austauscht, wird diese nicht in dem Sinne zum Kennenlernen nutzen wie etwa internationale Experten, die eine Mailing-Liste gerade dazu anwenden.
Die Angemessenheit der Medien wird inzwischen durch das Kognitive Modell der Medienwahl (Robert & Dennis, 2005) ergänzt. Dieses geht von zwei Voraussetzungen aus: Die Person muss motiviert und in der Lage sein, die Information zu übermitteln. Dementsprechend werden Botschaften mit hoher sozialer Präsenz eine hohe Motivation hervorrufen, jedoch gestaltet sich die Übermittlung aufwändiger. Geringe soziale Präsenz bringt sinkende Motivation bei weniger Aufwand mit sich. Analog gilt dies für den Empfänger von Informationen. Hohe Mediale Reichhaltigkeit wirkt somit ambivalent auf die Wahl eines bestimmten Mediums.
Welche Nutzenfunktionen in Abhängigkeit von der Nutzerkategorie vorliegen, sei anhand der Studie von Schenk, Dahm & Sonje (1995) gezeigt. 70 überwiegend berufliche, 73 überwiegend private Internet-Nutzer und 123 computererfahrene Nicht-Internet-Nutzer wurden befragt, welche Vorteile und Probleme mit dem Netzgebrauch für sie verbunden sind:
Tabelle 5: Einschätzung von Datenfernübertragung in drei Gruppen
(nach Schenk et al., 1995, S. 147). |
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Berufliche Nutzer |
Private Nutzer |
Nicht-Nutzer |
Vorteile |
Direkter Informationszugang, Schnelligkeit und Selbständigkeit der Arbeitserledigung, Erreichbarkeit, Flexibilität |
Information, Bildungsmöglichkeit und Unterhaltung, Verbesserung von persönlichen Kontakten; Erlebnisvielfalt |
Information, Bildungsmöglichkeit und Unterhaltung - nur skeptischer hinsichtlich der Problemlösungskapazität |
Probleme |
Hohe Kosten sowie Datenschutzgefährdung |
|
Informationsflut, Leistungsdruck |
Informationsflut |
Verschlechterung von
Kontakten |
|
Berufliche Nutzer greifen also auf ein Netz zurück, da sie so direkt Informationen erhalten und schnell ihre Arbeit erledigen können. Dabei bleibt die hohe Erreichbarkeit gewährleistet.
Es bleibt, ähnlich wie bei ökonomischen und rechtlichen Entscheidungen, die Frage, ob eine rationale Medienwahl generell nur eingeschränkt möglich ist. Durch eine Vielzahl von Entscheidungen werden Menschen kognitiv überlastet (Jolls, Sunstein & Thaler, 1998), man spricht allgemein von eingeschränkter Rationalität (Gigerenzer & Goldstein, 1996).
Die Rationale Medienwahl, wonach ein Medium je nach Anlass als geeignet bewertet wird, und dann auch bereichern kann, erfährt weitere Einschränkungen, wie die Theorie der Normativen Medienwahl zeigt.
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3.2 Soziales Umfeld und Bedienkompetenz: Die Normative Medienwahl
Fulk, Schmitz & Steinfeld (1990) formulieren im Social Influence Model of Technology Use den Einfluss von sozialen Normen und individueller Bedienkompetenz auf die Mediennutzung am Arbeitsplatz. Sie konnten zeigen, dass die individuelle Verwendung von Emails zunimmt, wenn sie auch allgemein im Kollegenkreis verbreitet sind. Auch Trevino, Webster & Stein (2000) konnten anhand von Befragungen bei 1704 Mitarbeitern zeigen, dass die Medienwahl für alle untersuchten Medien von der Einstellung des jeweiligen Empfängers zu diesem Medium abhängt. Emails und Briefe werden nach diesen Untersuchungen häufiger bei diesbezüglich positiven Einstellungen der Kollegen und Vorgesetzten verwendet.
Die Medienbewertungen werden bei dieser Theorie nicht als merkmalsbezogen vorgenommen, sondern als soziale Konstruktionen, d. h. durch die soziale Umwelt bestimmt (Hiltz & Turoff, 1993). Soziale Präsenz und elektronische Nähe (Korzenny, 1978) werden bei der Normativen Medienwahl durch Bedienungskompetenz beeinflusst. Wie die meisten Techniken bereitet auch cvK dem ungewohnten, langsamen Nutzer weniger Freude als dem Geübten, der Akronyme und Abkürzungen gut kennt, schnell tippt und auch Flow-Erlebnisse (Csikzentmihalyi, 1990) hat.
Die Normative Medienwahl betont die soziale Komponente. Die Bewertung der cvK hat Einfluss auf die Akzeptanz und Nutzung im Arbeitsalltag und umgekehrt. Nutzungsnormen wirken in Organisationen verstärkt, wodurch auch damit verbundene medienbedingte Kommunikationsstörungen zu erwarten sind: Ein Medium wird wegen Vorurteilen nicht genutzt oder (ausschließlich) Prestigegründe bewirken eine starke Nutzung (Döring, 2003).
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4 Ziel der Untersuchung: CvK als Ergänzung oder Konkurrenz
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4.1 Das Sozialorientierte Netzwerk für Ideentausch als Untersuchungsgegenstand
Das Projekt Sonet – Sozialorientiertes Netzwerk für Ideentausch2 (Vollmer, Lehmann, Ostendorp & Wehner, 2003) setzte sich zusammen aus kleinen und mittleren Betrieben aus Produktion, Dienstleistung, Gewerbe und Verwaltung. Ziel war der organisationsübergreifende Austausch von Wissen, Erfahrungen und Ideen. An die betrieblichen Verbesserungsprozesse anknüpfend sollten Mitarbeitende aus den Mitgliedsorganisationen betriebs-, branchen- und hierarchieübergreifend Fragen und Antworten tauschen. Dazu wurde eine Internet-Plattform zur Verfügung gestellt sowie f2f-Treffen zum direkten Erfahrungsaustausch organisiert. Der Wissenstausch erstreckte sich damit von der Weitergabe von Checklisten bis zur gemeinsamen Entwicklung von Innovationsvorhaben. Nutzenpotenziale wurden insbesondere darin gesehen, dass bei Problemen, mit denen die Betriebe in ähnlicher Weise konfrontiert sind (bspw. Mitarbeitereinführung, Innovationsmanagement, Umweltschutz), unterschiedliche Sichtweisen aufgrund der Heterogenität der Mitgliedsorganisationen zusammen kommen und auf diese Weise kreative Lösungen jenseits herkömmlicher, routinierter Denkmuster entstehen. Der Ideentausch sollte allen Mitarbeitenden offenstehen und hierarchie-übergreifend stattfinden. Hierarchien und Formalitäten als Innovationshürden (Anderson & King, 1993) sollten so überwunden werden. Als Netzwerk-Tool stand eine Internet-Plattform zum interorgansiationalen Projektmanagement (www.webcorp.ch) zur Verfügung, die während der Projektlaufzeit um Tools zum Ideentausch erweitert wurde.
Die Koordination des Ideentausches und der Plattformgestaltung (Regelerstellung für den Tausch, Erfa-Tagungen (Erfahrungsaustausch) etc.) erfolgte in einer Koordinationsgruppe. Sie setzte sich zusammen aus Vertretern aller Projektteilnehmer, den Mitgliedsorganisationen, verschiedenen Verbänden zur Thematik des Ideenmanagements, den beteiligten Forschungsinstituten und der Projekt¬leitung. Die Zusammenarbeit erfolgte sowohl durch persönliche Meetings als auch virtuell über die Internet-Plattform. Insofern erschien die Koordinationsgruppe als Forschungsfeld geeignet.
2 Förderung durch die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) des Schweizerischen Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT), Nr. 5126.2 KTS; Sponsoring: Zürcher Kantonalbank (ZKB); Projektlaufzeit: 2001-2003.
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4.2 Thesen zur Koexistenz und zum Übergang von f2f zu cvK
Aus den theoretischen Ausführungen gehen folgende Grundannahmen hervor: Einerseits haben beide Medien spezifische Vorteile; andererseits zeichnen sich aufgabenspezifische Präferenzen ab (vgl. Tab. 4). Von daher erscheint eine vollständige Konkurrenz der Kommunikationswege unplausibel. Daneben wurde deutlich, dass unterschiedliche Rahmenbedingungen einen Einfluss auf die Nutzung virtueller Medien bzw. für den Übergang von f2f- zu cvK-Medien eine Rolle spielen.
Daraus ergeben sich folgende zwei Thesen:
| 1. These: |
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Eine angemessene Berücksichtigung beider Kommunikationswege (f2f, cvK) bildet eine Voraussetzung für effizientes Arbeiten in der Koordinationsgruppe. |
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| 2. These: |
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Der Übergang von direkter zu virtueller Kommunikation wird als unproblematisch empfunden, wenn bestimmte persönliche und System-Voraussetzungen gegeben sind. |
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5 Durchführung der Untersuchung
In die Untersuchung wurden die Mitglieder der Koordinationsgruppe von Sonet mittels halbstrukturierter Interviews und einem Fragebogen befragt. Zuvor wurde ein Probe-Interview durchgeführt, um den Leitfaden inhaltlich und vom Ablauf her zu optimieren. Weiterhin wurden teilnehmende Beobachtungen bzw. Notizen aus den Sitzungsprotokollen ergänzt.
Mit allen sieben Mitgliedern der Koordinationsgruppe wurden Interviews von je 30 bis 60 Minuten Dauer geführt. Fünf Interviews wurden am Arbeitsort des/der Interviewten geführt, die restlichen am Forschungsinstitut. Befragt wurden drei Vertreter von Mitgliedsorganisationen (ein Elektroanlagenbetrieb und ein Innenarchitekturbüro, sowie eine Behörde) sowie je ein Vertreter von den Verbänden und von den beteiligten Forschungsinstituten. Die Vertreter aus den Mitgliedsorganisationen koordinierten in leitender Funktion die Einbindung von Sonet und waren zudem für den Bereich des betrieblichen Verbesserungsmanagements zuständig.
Zu Beginn eines Interviews wurde über dessen Ziel und Dauer informiert sowie in das zu behandelnde Thema eingeführt.
Schwerpunkte des Interviews waren:
- Erwartungen an Sonet
- Erfahrungen mit Kommunikationsmitteln
- Einschätzungen der Kommunikationsmittel
- Aufgaben bei der Sonet-Koordinationsgruppe im Zusammenhang mit der Medienwahl
- Erleben des Übergangs von f2f zu virtueller Kommunikation.
Für die Entwicklung des Fragebogens diente die Studie von Rice (1993) als Ausgangspunkt. Die Begriffe aus Tabelle 4 wurden in den Fragebogen übernommen. Es wurde nach der Unverzichtbarkeit des entsprechenden Kommunikationsweges für die entsprechenden Tätigkeiten gefragt, damit die Pragmatik der Medienwahl (vgl. These 1) klar herauskommt. Nicht die Frage, wie jemand gerne kommunizieren würde, stand im Vordergrund, sondern welche Mittel für die entsprechende Aufgabe unverzichtbar sind.
Die Antworten in Bezug auf die Frage nach der Unverzichtbarkeit wurden am Ende des Interviews jeweils in tabellarischer Form aufgelistet und priorisiert, um effektiver Daten zu gewinnen.
Daneben war die Frage relevant, wie der Übergang von 2f2 zu cvK erlebt wurde und wie sich die Befragten in der Lage fühlten, diesen zu bewältigen (These 2).
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6 Ergebnisse
Die einzelnen Interviews wurden mittels der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring, 2000) ausgewertet. Nachfolgend sind die einzelnen Interviews entlang der Fragestellungen zusammengefasst.
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6.1 Aussagen der Teilnehmer im Interview
Aus den Antworten lassen sich zu den o.g. Schwerpunkten folgende Aussagen zusammenfassen:
Erwartungen an Sonet: Es wurden sehr hohe Erwartungen bei der Problemlösung sowie bei der Ausweitung des persönlichen Beziehungsnetzes geäußert. Manche Teilnehmer hatten auch „geringe Erwartungen”. Das Sonet-Projekt wurde als realisierbar erachtet. Der Koordinationsgruppe selbst wurde eher geringere Bedeutung zugeschrieben.
Erfahrungen mit Kommunikationsmitteln: Alle Befragten besaßen Erfahrungen mit den Kommunikationsmedien Telefon, virtuelle Kommunikation (Email) und natürlich f2f. Erfahrungen mit weiteren Medien (wie Telekonferenz) wurden dagegen nur vereinzelt genannt. Erfahrungen mit den Kommunikationsmitteln lagen je nach beruflichen Tätigkeiten der Befragten in unterschiedlichen Ausmaßen vor. Die Basis-Erfahrungen, über die alle Befragten verfügten, sind im Durchschnitt sicher größer als bei anderen Betriebsangehörigen.
Einschätzung der Kommunikationsmittel: Die Vorteile der f2f-Kommunikation werden durch die erhöhte soziale Präsenz gekennzeichnet. Darin einbezogen sind persönlicher Kontakt, Feedback, Verständigungssicherheit und Zwischenmenschlichkeit. Zudem fördert f2f-Kommunikation Kreativität und „Gemütlichkeit“ in der Gruppe. Gleichartigkeit wie z. B. ähnliche hierarchische Funktion im Betrieb, Aufgabenbereich oder auch Interessen, die bei den Teilnehmenden vorausgesetzt werden, wurden ebenfalls als vorteilhaft angegeben. Als Nachteile wurden der Aufwand und die geringere Erreichbarkeit gesehen. Aufwand schließt hierbei Koordination, Zeit und Mobilität ein.
CvK verband nach den Aussagen der Mitglieder folgende Vorteile: weniger Aufwand (s. o.), Reflektiertheit, leichter Zugang sowie weniger Unterbrechungen bei der Arbeit. Bei extremem Zeitmangel kommen diese Vorteile jedoch nicht genügend zum Tragen. Zum Nachteil wirken sich sachliche Kälte, also wenig Persönliches, Anonymität und häufige Fehler (Rechtschreibung) aus, was als Verarmung empfunden wurde. Es wurden zugleich auftretende Probleme benannt. Die cvK funktionierte technisch nicht gleich zu Beginn und der Umgang mit den Tools musste erst persönlich angeeignet werden. Der Anreiz, Dokumente im Zusammenhang mit den Koordinationstätigkeiten zu lesen, war für viele zu gering. Die Befragten äußerten im Interview und bei den Sitzungen einen Bedarf für persönliche Kommunikation, um aufgrund der Komplexität der Diskussionsgegenstände eine Rückfragemöglichkeit zu haben.
Aufgaben bei der Sonet-Koordinationsgruppe: Die f2f-Kommunikation wurde den Antworten zu Folge bevorzugt eingesetzt bei Problemdiskussionen, für die Aufgabenverteilung in der Gruppe sowie zum Kennenlernen. Im Allgemeinen wurde sie zum vertraulichen Informieren, zur Ideenfindung und zum Verhandeln bevorzugt. CvK eignete sich bei rein sachlichen Fragen, für den Ideen-Speicher (ein Tool im virtuellen Netzwerk) und als Nachschlagemöglichkeit. Allgemein gab es die bevorzugte Verwendung zum Fragen stellen, (schnellen) Informationsaustausch sowie um in Verbindung zu bleiben. Das Telefon setzten die Befragten bei Fragen und schneller Information als Kommunikationsmittel ein. Andere Kommunikationsmittel wurden für diese Aufgaben als unpraktisch bzw. zu aufwendig eingestuft.
Tabelle 6 führt die nach ihrer Priorität genannten Aufgaben für drei Kommunikationswege zur Orientierung auf, wobei beim Telefon Rang 3 und 4 gleich bewertet wurden, ebenso ununterscheidbar blieben die ersten drei Ränge bei der Email. Ab Rang 5 bleiben die Unterschiede schwach, sodass es sich hier nur um eine Aufzählung handelt.
| Tabelle 6: “Auf welches Medium wollen Sie bei welcher Aufgabe nicht verzichten?” |
Rang |
f2f |
Telefon |
Email |
1 |
Neue Ideen finden |
Fragen stellen |
Fragen stellen |
2 |
Kennenlernen |
Schnell informieren |
Informieren |
3 |
Verhandeln |
In Verbindung bleiben |
In Verb. bleiben |
4 |
Vertraulich informieren |
Informieren |
Neue Ideen finden |
|
Fragen stellen |
Streiten |
Schnell informieren |
|
Informieren |
Vertraulich informieren |
Kennenlernen |
|
Streiten |
Neue Ideen finden |
Entscheiden |
|
Entscheiden |
Entscheiden |
Streiten |
|
In Verbindung bleiben |
Kennenlernen |
Vertraulich informieren |
|
|
|
Verhandeln |
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6.2 Kommunikative Validierung im Rahmen der Abschluss-Sitzung
Um den Koordinationsgruppenmitgliedern eine Rückmeldung zu geben, wurde zwei Monate nach dem letzten Interview auf einer Sitzung über die Ergebnisse berichtet. Die Zusammenfassung lautete:
- Gemeinsamkeiten: Direkte (f2f) und virtuelle Kommunikation ergänzten sich nach Meinung aller Befragten sehr sinnvoll und sind unverzichtbar.
- Unterschiede: Die Nutzungshäufigkeiten und Erfahrungen mit den Kommunikationsmitteln variierten.
- Gesamtbild: Beide Kommunikationswege wurden erfahrungsgemäß mit Vorteilen für Sonet eingesetzt. Das Hauptproblem stellt die Prioritätensetzung im betrieblichen Alltag dar. Die Prioritätensetzung bezieht sich auf die Probleme der Akteure, Zeit für die Koordinationstätigkeit und für den Ideentausch im betrieblichen Alltag zu finden.
Dieses Bild wurde von allen so akzeptiert, was für die kommunikative Validität der Ergebnisse (Scheele & Groeben, 1988) spricht.
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6.3 Bezugnahme zu den Thesen
Die erste These zur angemessenen Berücksichtigung beider Kommunikationswege lässt sich durch die Aussagen der Interviewten stützen. Aufgabenspezifisch wurden beiden Kommunikations¬mitteln Vor- und Nachteile sowie Probleme zugeschrieben. Eine generelle Bevorzugung eines Mediums konnte nicht festgestellt werden. Jeder Befragte äußerte klar die gegenseitige Ergänzung der Kommunikationsformen.
In Bezug auf die zweite These lässt sich festhalten, dass der Übergang dann als problematisch erlebt wurde, wenn persönliche Voraus¬setzungen, also mangelnde Erfahrungen, Anreize und Schulung fehlten, oder gewisse Systemvoraussetzungen (z. B. Internet-Zugang) nicht gegeben waren. Überraschenderweise hatte niemand der Interviewten, außer dem Co-Programmierer der Plattform die Systematik der Plattform bis ins Detail verstanden oder praktisch nachvollziehen können.
Eine hohe Koexistenz von cvK und f2f ermöglichte eine aufgabenspezifisch günstige Wahl des Mittels. Ferner konnten sowohl positives Erleben für f2f als auch effiziente Informations¬verarbeitung bei der cvK zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beitragen.
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7 Diskussion, Interpretation und Gestaltungsvorschläge
In der vorliegenden Arbeit sollten Kommunikationswege auf ihre Eignung für die Arbeit der Koordinationsgruppe im Sozial-orientierten Netzwerk für Ideentausch (Sonet) hin untersucht werden. Die beiden Thesen zur Notwendigkeit von Koexistenz in der Koordinationsgruppe und zum fließenden Übergang von f2f zur cvK standen im Mittelpunkt der Betrachtungen. In halbstrukturierten Interviews wurde in diesem Zusammenhang nach Erfahrungen mit Kommunikationsmitteln, deren Einschätzungen sowie nach den persönlichen Präferenzen bei der Medienwahl gefragt.
Die Interviews erwiesen sich als geeignete Form der Datenerhebung, da umfangreiche Informationen, z. B. über Kommunikationsgewohnheiten, eigene Erfahrungen sowie persönliche und systemimmanente Probleme, gewonnen wurden. Durch die erfolgte kommunikative Validierung in Form einer Ergebnis-präsentation mit Diskussion gewinnen die Schlussfolgerungen zudem an Gewicht.
Die beiden Thesen wurden bestätigt. Es konnten zudem Ergebnisse und Modelle der Literatur bestätigt werden, insbesondere die Theorie der Rationalen Medienwahl. Die priorisierte Zuordnung von Tätigkeiten zu einem bevorzugten Kommunikationsmedium nach Rice (1993, Tab. 4) fand weitgehende Bestätigung, wie Tabelle 6 zeigt. Eine Ausnahme findet sich bei der Ideenfindung, welche im untersuchten Netzwerk einen Schwerpunkt bildet und somit hier mit mehr Gewicht hervorgeht. In den Interviews wurde ferner die Wichtigkeit von ansprechenden Kommunikationsformen (vgl. Mediale Reichhaltigkeit), die Knüpfung persönlicher Kontakte (vgl. soziale Präsenz) sowie Möglichkeiten zum direkten Meinungsaustausch (vgl. Backchannel-Feedback) betont. Dadurch werden Schlüsselbegriffe im Zusammenhang mit der Theorie der Rationalen Medienwahl berührt. Als besonders wichtig stellten sich auch die persönlichen Erfahrungen mit dem Netzwerk-Tool dar. f2f Kommunikation diente den Beteiligten dazu, ihre Bedienerkompetenz bei der Netzwerk-Plattform zu erhöhen.
Bezüglich der Einschätzung des beruflichen Netzgebrauchs (Tab. 5) wurden Flexibilität, direkter Zugang als Vorteile, aber auch Informationsflut als Nachteil genannt. Nur die Selbständigkeit bei der Arbeitserledigung fand keine Erwähnung, was mit der generell hohen Selbständigkeit der Befragten in ihrem Beruf plausibel erklärt werden konnte.
Einschränkend ist davon auszugehen, dass viele Interviewte aufgrund ihrer beruflichen Stellung hinsichtlich kommunikativer Fähigkeiten profiliert sind. Einige Einschätzungen wurden deshalb vielleicht nicht im Kontext von Sonet vorgenommen, sondern bereits vorher auf theoretischem bzw. praktischem Wege angeeignet.
Die vorliegende Untersuchung konnte die Nützlichkeit des Konzeptes der Koexistenz zur gegenseitigen Ergänzung der Kommunikationswege zeigen. Der Übergang zur virtuellen Kommunikation stellte die Akteure vor Herausforderungen, auf die sie unterschiedlich gut vorbereitet waren. Dementsprechend sind weitere Untersuchungen zwecks Ableitung von Gestaltungsvorschlägen für das Netzwerk angezeigt, um einen problemloseren Einsatz der cvK gemäß der zweiten These sicherzustellen.
Im Sonet-Projekt lauten entsprechende Gestaltungsvorschläge:
- Ausbau der Koexistenz (cvK, 2f2) in der Koordinationsgruppe von Sonet
- Förderung weiterer Schulungen in Bezug auf die Benutzung von Netzwerkzeugen
- Einsatz von Moderation auch für den netzbasierten Ideentausch
- Thematisierung von Prioritäten (Zeitfonds) beim Ideentausch.
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8 Ausblick auf weitere Forschungsaktivitäten
Zukünftige Kooperationsformen werden sowohl über direkte Begegnungen in physischer Koexistenz als auch mittels virtueller Kommunikation gestaltet werden. Damit besteht immer auch die Koexistenz zweier Medien, deren Zusammenspiel jedoch bislang nur wenig erforscht wurde. Die vorliegende Studie ist daher um weitere, vertiefende und breiter angelegte Untersuchungen zu ergänzen. Dabei sind die hier angesprochenen Modelle (vgl. Döring, 2003) mit weiteren empirischen Daten zu fundieren. Zwei wesentliche Aspekte stehen dabei im Vordergrund: Zum einen geht es um die Gestaltung der operativen Zusammenarbeit in arbeitsteiligen Systemen. Zum anderen geht es auch um das soziale System und um Fragen hinsichtlich der Zugehörigkeit, des Commitments sowie der Beteiligungsbereitschaft. Die methodischen Schwierigkeiten bei der Operationalisierung dieser Variablen sollten gerade angesichts der offenkundigen Wichtigkeit für das Gelingen von Kooperation als eine Herausforderung an die Wissenschaft verstanden werden.
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9 Danksagung
Den Interviewten danken wir für die Gespräche und den daraus gewonnenen Informationen. Allen Akteuren bei Sonet, der Förderinstitution (KTI) und dem Sponsor (ZKB) sei an dieser Stelle gedankt.
Wir danken L. Wittmann für die Durchsicht des Manuskripts sowie für seine hilfreichen Anmerkungen.
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Bitte referenzieren Sie diese Ausgabe der Empirische Arbeitsforschung wie folgt.
Hannemann, S., Vollmer, A. & Wehner, T. (2006, März). Koexistenz von face-to-face und virtueller Kommuni-kation beim netzwerkbasierten Ideentausch: Am Beispiel der Koordinationsgruppe eines interorganisationalen Netzwerks. Empirische Arbeitsforschung - Empirische Beiträge aus der Psychologie, Soziologie und Pädagogik der Arbeit, Nr. 02. Verfügbar über: http://www.empirische-arbeitsforschung.de [Zugriff 17.03.2006].
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