Empirische Arbeitsforschung
Empirische Beiträge aus der Psychologie, Soziologie und Pädagogik der Arbeit
Herausgegeben von Prof. Michael Dick & Prof. Theo Wehner
ISSN 1614-1415    
 
 
         

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   Empirische Arbeitsforschung, Ausgabe 3

1 Der Ort des Betriebsrats in der sozialen Topographie des Betriebes

 

„Und wo sitzt der Betriebsrat? Also nicht im Erdgeschoss. Also nicht so ganz an der Basis. Also im ersten Geschoss oder im Übergang zum Dach, irgendwo so. Ja irgendwo so dazwischen.“

Ein Betriebsrat von TEMP

Dieser Artikel entstand im Kontext eines von der Hans-Böckler-Stiftung geförder-ten Forschungsprojektes zur „Subjektiven Erfahrung von Betriebsräten“. Darin ging es um die Frage, wie Betriebsräte die gegenwärtigen Veränderungen ihrer Rolle erleben und wie sie diese Veränderungen – die eingebettet sind in einen Wandel der betrieblichen Arbeitsbeziehungen – zu bewältigen bzw. zu gestalten suchen1. Ausgehend von dem Konzept der „Institution, wie sie sich in der Erfahrung darstellt“, das von Long, Newton und Chapman (1997) und Long (2001) entwickelt wurde2, ging ich der Frage nach, wie sich die Institution Betriebsrat für diejenigen darstellt, die sie durch ihre tagtäglichen Aktivitäten, ihre Wahrnehmungs- und Erlebnisweisen, ihre (persönlichen wie kollektiven) Interpretationen, Handlungen, Verarbeitungs- und Bewältigungsformen zuallererst mit ‚Leben’ erfüllen und mit Sinn und Bedeutung versehen: die Betriebsrätinnen und Betriebsräte selbst. Die „Institution, wie sie sich in der Erfahrung darstellt“ – sowohl der kognitiven als auch der emotionalen Erfahrung – prägt Long (2001, S. 60) zufolge die Art und Weise, wie sich Organisationsmitglieder mit ‚ihrer’ Organisation sowie mit ihrer jeweiligen Gruppe (hier: dem Betriebsratsgremium) identifizieren und wie sie ihre Rolle in der Interaktion mit den anderen Mitgliedern der Organisation annehmen und gestalten. Das heißt auch, dass die Erfahrungen in und mit der Institution Betriebsrat, die sich in inneren Bildern von dieser Institution niederschlagen, zum Bestandteil der Betriebsratsrolle werden. Denn, so Long, „wie man eine Rolle annimmt, ist bewusst oder unbewusst davon abhängig, wie die Organisation gesehen wird, wie man glaubt, dass andere in ihr handeln, welche emotionale Dynamik von Rolleninhabern im Auftrag der Organisation übernommen wird und so fort“ (ebenda).

Die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes: der Anerkennungskampf mit der Geschäftsleitung, die Ambivalenzen des Vertretungsverhältnisses im Hinblick auf die Beschäftigten, die tendenzielle Ablösung der gewerkschaftlichen durch eine stärker betriebliche Orientierung sowie – im Hinblick auf all die genannten Akteursgruppen – das Ringen um einen eigenen ‚dritten' Ort im Betrieb und somit die Notwendigkeit der Entwicklung „triadischer Kompetenz“ in den Betriebsratsgremien, sind an anderer Stelle dargestellt (Tietel 2006).

Im vorliegenden Text geht es über die im genannten Buch dargestellten Zusammenhänge hinaus um einen weiteren zentralen Aspekt der betriebsrätlichen Erfah-rung: um den Ort, d.h. um die sozio-räumliche Verortung des Betriebsrats in der sozialen Topographie des Betriebes. Eine Frage, die ich allen Betriebsräten stellte, war die nach ihrer eigenen sozio-räumlichen Verortung im Betrieb. Hierfür stand folgendes Gedankenexperiment Pate: Sie sollten sich vorstellen, sie malten ein Bild von ihrem Betrieb als einem Haus und sollten sich überlegen, wo in diesem Haus die Geschäftsleitung und wo der Betriebsrat säßen. Häufig kam es bei den geschilderten Bildern zu zwei verschiedenen Verortungen: Zu einem Bild vom gewünschten oder beanspruchten Platz und einem zweiten vom tatsächlich erlebten Ort im Betrieb. Etwa: ‚Eigentlich finde ich, wir sollten oben auf dem Flur der Geschäftsleitung angesiedelt sein, sozusagen auf gleicher Augenhöhe. Dem ist aber nicht so, in Wirklichkeit sitzen wir ...’ – und für diese ‚Wirklichkeit’ werden dann die verschiedensten Orte angegeben3.

Konzeptioneller Hintergrund der Frage nach dem Ort des Betriebsrats in der sozialen Topographie des Betriebs ist die Annahme, dass soziale und kulturelle Erfahrungen häufig in räumlich codierter Form vorliegen und man über räumliche Metaphern und Bilder einen Zugang zu latenten Dimensionen betrieblicher Erfahrungen und betriebspolitischer Beziehungsverhältnisse bekommen kann. Die Aufforderung, sich ein gemaltes Bild vom Betrieb vorzustellen, reduziert die Komplexität und lässt prägnante Lokalisierungen hervortreten, bildhafte Verdichtungen sozialer Verhältnisse – vor allem der betrieblichen Anerkennungsverhältnisse.

Auf Indizien der räumlichen Codierung sozialen Erlebens stößt man in der Alltagssprache auf Schritt und Tritt: ‚seinen Platz einnehmen', ‚im Vorder- bzw. Hintergrund stehen', eine ‚linke' oder eine ‚rechte' Gesinnung haben oder aber ein ‚Mann der Mitte' zu sein usw. Kruse und Graumann (1978, S. 179) zufolge sind wir mit „raumbezogenen Bewegungsausdrücken“ so eng verwoben, dass diese uns „als genuin und nicht als metaphorische Rede“ erscheinen. Raumtheoretisch bewegen wir uns nicht nur im physikalischen Raum, sondern immer auch in „sozialen Räumen“.4 In diesem Sinne schreibt Bourdieu (1985, S. 13): „Was existiert, das ist ein Raum von Beziehungen, ebenso wirklich wie der geographische, worin Stellenwechsel und Ortsveränderungen nur um den Preis von Arbeit, Anstrengungen und vor allem Zeit zu haben sind.“ Auch die Verortung in der betrieblichen Wirklichkeit wird in räumlichen Metaphern interpretiert und verarbeitet (Popitz et al. 1957, S. 7f.). Der soziale Raum des Betriebes kann als relationaler Raum, als ein ‚Raum von Beziehungen' aufgefasst werden, in dem jeder individuelle und kollektive Akteur sowohl einen Ort zugewiesen bekommt als auch um seine Verortung ringt. Popitz' et al. (1957) Studie über „Das Gesellschaftsbild des Arbeiters“ kann als eine der ersten Arbeiten angesehen werden, die die Mächtigkeit von sozio-räumlichen Bildern und Metaphern in den betrieblichen Arbeitsbeziehungen analysiert. Die Autoren sprechen von einer „sozialen Bilderwelt“, die, obgleich sie von konkreten Erfahrungen ihren Ausgang nimmt, gegenüber der empirischen Erfahrungswelt ein Eigenleben entwickeln kann (1957, S. 3). In der Literatur stößt man auf ausgesprochen heterogene Diskurse über Räume und Räumlichkeiten, angefangen vom mathematischen, geometrischen oder physikalischen Raum, bis hin zum erlebten und gelebten Raum in phänomenologischen Ansätzen. Nicht zuletzt das Konzept des ‚hodologischen Raums‘ oder auch ‚Lebensraums‘ bei Lewin hat die psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung inspiriert (siehe Tietel 2003, S. 28ff.).

Bei der Frage nach der Verortung in der sozialen Topographie des Betriebes geht es also um die Erfassung der räumlichen Bilder und Metaphern, die Aufschluss über das gelebte und erlebte betriebspolitische Beziehungsgeflecht geben. In Anlehnung an den psychoanalytischen Begriff der Repräsentanz sehe ich die erhobenen sozio-räumlichen Bilder und Metaphern als die teils bewussten, teils latenten und impliziten affektiv-kognitiven Vorstellungen an, durch die im sozialen Raum des Betriebes sowohl die eigene Akteursgruppe als auch andere betriebliche Akteure als Niederschlag von phantasie- und erfahrungsgeleiteten Interaktionserfahrungen einen Ort erhalten. Jedes Betriebsratsmitglied und jedes Betriebsratsteam erwirbt und festigt im Laufe seiner Tätigkeit eine Art subjektives und kollektives „inneres Bild“ von der sozio-räumlichen Verortung der relevanten Akteure in der betriebspoliti­schen Arena. Diese inneren Bilder (die beständig Veränderungen unterworfen sind, aber auch gegenüber gesellschaftlichen und betrieblichen Prozessen ‚Ungleichzeitigkeiten' bewahren), prägen, so meine These, die Wahrnehmung, Verarbeitung und Bewältigung der tagtäglichen Betriebsratserfahrung und die Gestaltung der Betriebsratsrolle in erheblichem Maße mit. Entscheidend ist, dass diese inneren Bilder nicht als etwas rein Persönliches angesehen werden, sondern als Niederschläge konkreter Interaktionserfahrungen.

Um vorweg einen Gesamteindruck zu formulieren: Ein zentrales Ergebnis der Frage nach der Verortung des Betriebsrats besteht darin, dass die Befragten den Ort des Betriebsrats gegenüber der Geschäftsleitung sozio-räumlich tiefer und damit von der sozialen Position her niedriger angesiedelt erleben, als dies ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Dies weist darauf hin, dass sie sich – trotz aller Fortschritte in dieser Frage – vom Management nicht in dem Maße anerkannt sehen, wie sie das wünschen, anstreben oder auch einfordern. Beispielhaft hierfür steht die Äußerung einer Betriebsrätin aus der Betriebsratsspitze eines Großbetriebes:

„Also die Geschäftsleitung sitzt oben, in der Mitte wir und dann die anderen unten. Wobei mein Wunsch wäre, ich würde mit denen oben auf einer Ebene sitzen. So stelle ich mir Betriebsratsarbeit auch vor. Aber das ist noch ein lan­ger Weg.“

Meine Forschungsergebnisse legen nahe, dass der Anspruch von Betriebsräten, als betriebliche Führungskraft wahrgenommen und behandelt zu werden, deutlich gestiegen ist (wozu sicher auch die Diskussion der letzten Jahre über Co-Management beigetragen hat) und damit der „Wunsch, mit denen oben auf einer Ebene zu sitzen“. Die Zurückweisung dieses Anspruchs durch Geschäftsleitungen führt zu den an anderer Stelle beschriebenen Enttäuschungs- und Missachtungserlebnissen (Tietel 2006), die in den erhobenen ‚Gedankenbildern' zur Verortung des Betriebsrats noch einmal eindrücklich zu Tage treten.

Verorten sich die befragten Betriebsräte in Hinblick auf die Geschäftsleitung unterhalb der Ebene, die sie eigentlich für angemessen halten, trifft man hinsichtlich der Beschäftigten auf ein komplementäres Phänomen. Denn dem Anspruch (oder Ideal) nach würden sich nicht wenige der befragten Betriebsräte nach wie vor gern (auch) als Teil der von ihnen Vertretenen verstehen und sich mit ihnen ebenfalls auf einer Ebene situieren, wobei ihnen nur allzu klar ist, dass sie in der sozialen Topographie des Betriebes faktisch über der Belegschaft residieren.

Unter der Geschäftsleitung und über der Belegschaft – ist das nicht der Ort im vermittelnden ‚Dazwischen', von dem spätestens seit Fürstenberg (1958) die Rede ist? Die Antwort lautet Ja, wenn damit die Funktion der Vermittlung, die intermediäre Posi­tion der Institution Betriebsrat (Müller-Jentsch 1997, S. 281) gemeint ist. Die Antwort lautet hingegen Nein, weil es weniger um einen Ort in der Mitte geht, sondern um zwei sehr unterschiedliche relationale Orte: um den Ort ‚neben-und-zugleich-unter' der Geschäftsleitung und den Ort ‚bei-und-zugleich-über' der Belegschaft. Nicht zuletzt die folgenden Interpretationen haben mich dazu geführt, stärker beziehungsabhängige Aspekte der Rolle und Identität von Betriebsräten zu konstatieren: den Betriebsrat-in-Beziehung-zur-Geschäftsleitung und den Betriebsrat-in-Beziehung-zur-Belegschaft (und im weiteren auch den Betriebsrat-in-Beziehung-zur-Gewerkschaft); also beziehungsabhängige Aspekte, die über eine gewisse Eigenständigkeit verfügen und zuweilen relativ lose miteinander verbunden sind. Wenn sich Betriebsräte, die im Alltag ihres Betriebsratsbüros in Jeans und kariertem Hemd sitzen, auf dem Weg zum Vorstand in ein Jackett zwängen und eine Krawatte umbinden, sie aber auf dem Weg zur Betriebsversammlung den Blaumann anziehen, dann scheint dieser Aspekt in einer szenisch wahrnehmbaren Weise auf, ohne dass man dies als Maskerade ansehen muss. Denn während der Betriebsrat als Grenzinstitution (Fürstenberg 1958) konstitutiv auf der Grenze des Interessengegensatzes situiert ist, haben Betriebsräte als Grenzgänger längst auf beiden Seiten Platz genommen.

Im Folgenden werde ich darstellen, wie Betriebsräte ihre Geschäftsleitung in der sozialen Topographie des Betriebes situieren (1) und wie sie sich selbst im Hinblick auf die Geschäftsleitung verorten (2). Nach einem Abschnitt über die Schwierigkeit von Betriebsräten, einen Platz zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft zu finden (3), wende ich mich abschließend den Verortungen von Betriebsräten im Hinblick auf die Beschäftigten zu (4).

1 Die Studie beruht auf ca. 20 Experteninterviews, 40 themenzentrierten Interviews, 7 Gruppendiskussionen und umfangreichen teilnehmenden Beobachtungen in sechs Betrieben: Zwei Kleinbetrieben: FINANZ und TECHNO (100–150 Beschäftigte), zwei Mittelbetrieben: DACHS und TEMP (400–600 Beschäftigte) und zwei Großbetrieben: SOLUTIONS und LEGAT (2000–3000) Beschäftigte. Bis auf LEGAT, einem eher traditionellen Produktionsbetrieb, sind die anderen Betriebe Dienstleistungsunternehmen (der IT- und Finanzbranche) oder Produzenten komplexer Simulationsanlagen bzw. Analysegeräte mit einem hohen Anteil an (hoch)qualifizierten Beschäftigten. DACHS ist die Hauptverwaltung und Forschungsabteilung eines Chemiemultis und hat ebenfalls eine hochqualifizierte Beschäftigtenstruktur. Die Firmennamen sind anonymisiert.
2 Dieser Ansatz bezieht sich auf die Institution/Organisation, wie sie die Menschen im (Hinter-)Kopf haben, also auf die bewussten und unbewussten Vorstellungen, die man von der Institution/Organisation hat, deren Mitglied man ist.
3 Zitate ohne Quellenangabe sind durchweg wörtliche Zitate aus Interviews und Gruppendiskussionen
4 In der Literatur stößt man auf ausgesprochen heterogene Diskurse über Räume und Räumlichkeiten, angefangen vom mathematischen, geometrischen oder physikalischen Raum, bis hin zum erlebten und gelebten Raum in phänomenologischen Ansätzen. Nicht zuletzt das Konzept des ‚hodologischen Raums‘ oder auch ‚Lebensraums‘ bei Lewin hat die psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung inspiriert (siehe Tietel 2003, S. 28ff.).
5 In der kognitiv orientierten Tradition werden diese inneren Bilder als „mental maps“ oder als „mentale Modelle“ bezeichnet. Diese ‚mental maps‘ umfassen nicht nur „kognitive Landkarten“ der „auf Erfahrungen, Assoziationen oder Projektionen beruhenden emotionalen oder normativen ‚Besetzung‘ von Lokalitäten, Orten, Territorien und Entfernungen“ (Pries 2004, S. 17), sondern auch „die Raumvorstellungen über soziale Ungleichheitsstrukturen oder über ‚das Eigene‘ und ‚das Fremde‘“ (ebenda). Senge u.a. (1997, S. 271) zufolge sind ‚mentale Modelle‘ „Bilder, Annahmen und Geschichten, die wir von uns selbst, von unseren Mitmenschen, von Institutionen und von jedem anderen Aspekt der Welt in unseren Köpfen tragen“. Sie bestimmen darüber, was wir wahrnehmen und ohne sie könnten wir uns in der Welt nicht orientieren.

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