Empirische Arbeitsforschung
Empirische Beiträge aus der Psychologie, Soziologie und Pädagogik der Arbeit
Herausgegeben von Prof. Michael Dick & Prof. Theo Wehner
ISSN 1614-1415    
 
 
         

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   Empirische Arbeitsforschung, Ausgabe 3

2 Der Ort der Geschäftsleitung in der sozialen Topographie des Betriebes aus Sicht von Betriebsräten

Erwartbarerweise sitzt die Geschäftsleitung oben. Und entsprechend fallen auch die Ausführungen über die sozio-räumliche Positionierung der Geschäftsführung aus, wobei von nicht Wenigen hinzugefügt wird, dass diese „ganz oben“ sitzt, was die hierarchische und sozial distinguierte Stellung der Geschäftsführung unterstreicht:

•  „Der Vorstand würde natürlich ganz oben unter dem Dach sitzen.“

•  „Also die Geschäftsleitung sitzt im Hochhaus auf der obersten Etage.“

•  „Ganz oben sitzt die Geschäftsleitung schon irgendwie dick und fett.“

•  „Ganz oben, um alles zu überwachen, sitzt der Vorstand.“

•  „Oben auf einer Empore, damit sie auch den Überblick hat.“

Die Betonung des „ganz oben“ wirft die Frage auf, ob neben diesem Akteur an der Spitze des Unternehmens überhaupt ein Platz für einen weiteren Akteur frei wäre – beziehungsweise, um es auf die dieses Bild ‚zeichnenden' Betriebsräte zu beziehen, wie weit man sich eigentlich selbst wirklich vorstellen kann, den Anspruch auf einen Platz in diesem „ganz oben“ zu erheben. Denn dieses „ganz oben“ ist hinsichtlich der tatsächlichen wie erlebten Exklusivität dieser Position an der Spitze eines Unternehmens gefühlsmäßig doch ziemlich weit weg. „Ganz oben“ heißt dann nicht nur in einem räumlichen Kontinuum einige Stockwerke höher, sondern jenseits einer Scheidelinie, die zusätzlich zur bestehenden Interessen- und Machtdifferenz eine atmosphärische ‚Unnahbarkeit' konstituiert und dieses exklusive ‚Oben' spürbar vom Rest des Betriebes abhebt und abgrenzt6. In der Metapher vom „Olymp“ wird dieser Aspekt einer von allen – letztlich auch vom Betriebsrat – akzeptierten so­zialen Barriere von einer Betriebsratsvorsitzenden in ironisch zugespitzter Weise gefasst: Göttergleich residiert der Geschäftsführer „oben auf dem Olymp“ und es wäre ihnen schon, wie sie anfügt, sehr damit gedient, wenn er sich ab und zu mal dazu bewegen ließe, in die Niederungen des Betriebes hinunter zu steigen. Neben ‚göttlichen' finden sich auch ‚feudale' Anklänge, so wenn es in einem Interview über den Vorstand heißt: „Er ist natürlich unser König der Firma oder des Unternehmens, das ist klar!“ Doppler weist darauf hin, dass Anklänge an eine gewisse Unnahbarkeit bereits im Wort Hierarchie gegeben sind: In der „Bezeichnung der Position selbst“ – z.B. Vorstand – wird „die Botschaft mit zum Aus­druck gebracht, dass man gut daran tut, besser nicht an dieser grundsätzlichen ‚Oben'-Stellung zu rühren – wohl wissend um die eigentliche Bedeutung des Wortes Hierarchie: heilige Herrschaft oder Herrschaft der Heiligen“ (2003, S. 25).

6 Klatt (1994 S. 15) symbolisiert diese soziale Distanz, indem er in seinem Bild der Unternehmenspyramide zwischen Belegschaft und Betriebsrat auf der einen und der Geschäftsleitung auf der anderen Seite eine Kluft lässt, die durch den Interessengegensatz markiert wird. Die Spitze der Pyramide (die Geschäftsleitung) schwebt dadurch bildlich gesehen abgelöst über der betrieblichen Basis.

2.1 Die Geschäftsleitung residiert da, wo die Sonne scheint

Geschäftsführungen sitzen nicht nur oben, sondern lassen es sich da auch ziemlich gut gehen. Darauf verweisen all die Äußerungen, die jene in einem luxuriösen und komfortablen ‚Oben’ platzieren. Äußerungen in diese Richtung gibt es von Betriebsräten nahezu aller Betriebe und zwar meist nicht, wie man vermuten könnte, von nichtfreigestellten Betriebsräten, also jenen, die ihre Firmenleitung tatsächlich aus größerer Ferne wahrnehmen und erleben, sondern von jenen, die als Freigestellte oder als Vorsitzende einen regelmäßigen Kontakt zur Geschäftsleitung unterhalten. Es schwingt eine Portion Respekt mit, wenn ein ‚Betriebsrats-Oldtimer’ von LEGAT auf die Frage, wo die Geschäftsleitung sitzt, äußert:

„Als Realist würde ich sagen, also die idealste Etage, die es geben würde, mit Sonne und allem drum und dran. Also wenn ich so ein Haus malen würde, dann würde da der Vorstand sitzen.“

Es ist ihm wichtig, zu betonen, dass er kein übertriebenes Bild von der Situierung des Vorstandes zeichnen will, sondern „als Realist“ das, was er sagt, wirklich so empfindet. In der Vorstellung von der „Sonne und allem drum und dran“ schwingt – vielleicht ein wenig augenzwinkernd – mit, dass ihr Vorstand die ‚Lichtgestalt’ des Unternehmens ist, was sich noch im höfischen Kosenamen widerspiegelt, der jenem im informellen Sprachgebrauch verliehen wurde. Die Tendenz zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Idealisierung des Ortes der Geschäftsführung und nicht zuletzt der Person, die diesen Ort einnimmt und mit ihrer persönlichen Aura versieht, verschafft sich mit der „idealsten Ebene“ sogar wörtlichen Ausdruck.

Weitere Positionierungen verweisen auf andere privilegierte und luxuriöse Orte: Sei es, dass die „Geschäftsleitung oben auf der Veranda“ oder in einer „Loggia sitzt“, sei es, dass sie „in einem Penthouse“ residiert, oder sei es, dass der „Vorstand an einer exponierten Stelle mit einer schönen Aussicht säße, also irgendwo oben, wo man überall alles gut im Blick hat“.

In diesen Bildern scheint neben der sozialen Distanz, die von Betriebsräten nach wie vor erlebt wird, eine gewisse Abgeschottetheit und Selbstherrlichkeit auf. Die abgehobene Stellung von Geschäftsleitungen wird mit ambivalenten Gefühlseinstellungen belegt, die sich im Spannungsfeld zwischen Kritik und Bitterkeit auf der einen und Bewunderung und Idealisierung auf der anderen Seite bewegen – eine Ambivalenz, in der sich nicht zuletzt latente Unterlegenheits- und Ausgeschlossenheitsgefühle bemerkbar machen. Diese Gefühlsambivalenz erschwert psychologisch betrachtet nicht nur den Umgang mit der Geschäftsleitung, sie macht auch die eigene Verortung jenen gegenüber außerordentlich schwierig 7. Dies betrifft vor allem die latente Idealisierung der Annehmlichkeiten von Geschäftsleitungen. Ist die Position von Managern aber wirklich so komfortabel, wie mancher Arbeitnehmervertreter den Eindruck hat? Sicher, sie verdienen gut und der zum Teil exorbitante Abstand des Gehalts von Vorständen zum Einkommen von Beschäftigten und Betriebsräten ist aus guten Gründen Gegenstand der öffentlichen Kritik. Geschäftsführer sind zudem mächtig und einflussreich und können sich an der Spitze ihres Unternehmens nach innen offenbar einen Habitus der nahezu unangreifbaren Herrschaft erlauben, der sich in den Anspielungen auf feudale Herrscher und Weltenlenker Ausdruck verschafft. Und doch beruhen diese metaphorischen Zuspitzungen darauf, dass die ‚Kehrseite’ dieses ‘Oben’, die Anforderungen und Belastungen, die mit der Leitung eines Unternehmens verbunden sind, ausgeblendet wird: Handlungs- und Erfolgsdruck, Verantwortung, Abhängigkeit von der Konzernspitze, Shareholdern und Märkten, die Widersprüche, die nicht nur der Betriebsrats-, sondern auch der Managerrolle inhärent sind und nicht zuletzt auch Sorgen und Ängste, angesichts der sich rasch wandelnden Bedingungen einer globalisierten Wirtschaft die eigene Handlungsfähigkeit (und Position) zu verlieren. Es ist Teil dieser Projektion, dass die Sorgen- und Belastungsseite fast ausschließlich der betriebsrätlichen Seite zugeschrieben wird – worin sich der Umstand spiegelt, dass es im betrieblichen Alltag vor allem um Probleme und Sorgen geht, wenn sich Beschäftigte an den Betriebsrat wenden. Diese Spaltung, zugespitzt formuliert: dort oben der Ort der Sonne und des Glanzes und hier unten bei uns das Reich des Dunkels, der Mühe und der Plage symbolisiert eine Tiefenschicht der „sozio-emotionalen Matrix“ (Tietel 2003) der Arbeitsbeziehungen. Je mehr dieser projektive Aspekt die Beziehungen zu den Geschäftsleitungen atmosphärisch ‚tönt’, desto weniger können die ‚anderen Seiten der anderen Seite’ wahrgenommen und realistische Beziehungen zu jenen hergestellt werden.

7 Doppler (2003, S. 26) beschreibt die Ambivalenz gegenüber Mächtigen in Organisationen eindrücklich: „Es ist diese Art von Macht, die wir hoch achten (sollen), weil sie sich einfach als von oben gesetzt gibt – angeblich zum allgemeinen, also auch zu unsrem Wohl. Es ist diese Art von Macht, die wir gleichzeitig fürchten, weil sie über uns zu herrschen scheint, ohne dass wir uns ihr entziehen können. Es ist diese Art von Macht, die uns fasziniert wie ein großes Schauspiel, in dem wir Zuschauer und gleichzeitig beteiligt sind als Claqueure, bewunderndes Volk, Hofschranzen, Mitglieder des Hofstaates, Hofnarren oder höhere Würdenträger. Es ist diese Art von Macht, an der wir einerseits teilhaben wollen und an der wir uns andererseits stoßen oder reiben.“

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