Empirische Arbeitsforschung
Empirische Beiträge aus der Psychologie, Soziologie und Pädagogik der Arbeit
Herausgegeben von Prof. Michael Dick & Prof. Theo Wehner
ISSN 1614-1415    
 
 
         

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   Empirische Arbeitsforschung, Ausgabe 3

5 Verortungen im Hinblick auf die Beschäftigten

Obgleich ich nach der Verortung des Betriebsrats im Hinblick auf die Beschäftigten nicht explizit gefragt habe, kamen hierzu von vielen Befragten spontane Äußerungen. Die diesbezüglichen Verortungen sind kaum weniger komplex, als die soziale Platzierung im Hinblick auf die Geschäftsleitung. Und auch hier treffen wir auf die Schwierigkeit, für sich einen angemessenen Platz zu finden. Die hauptsächlichen Verortungen des Betriebsrats im Hinblick auf die Belegschaft sind „unten bei der Belegschaft“, „mitten unter der Belegschaft“, und „über der Belegschaf“‘, was sich – spiegelbildlich zu der paradoxen Verortung im Hinblick auf die Geschäftsleitung – in der Formulierung ‚bei-und-zugleich-über' den Beschäftigten verdichten lässt.


5.1 Der Betriebsrat bei der Belegschaft

Die Beschäftigten sitzen sozio-räumlich gesehen ziemlich durchweg „unten“ im Haus. In manchen Bildern füllen sie das Innere des Hauses aus. Und entsprechend wird der Betriebsrat in den Bildern, in denen die Nähe zur Belegschaft aus­gedrückt werden soll, mal „unten bei der Belegschaft“ oder aber „in der Mitte und die Belegschaft drum herum“ verortet. In diesem Sinne formuliert ein Betriebsrat von TECHNO, wo alle Betriebsräte aufgrund ihrer Nichtfreistellung tatsächlich ‚unter' ihren KollegInnen in einem großen Flachbau sitzen:

„Insofern würde ich mal sagen, also der Betriebsrat in diesem Gebäude sitzt mit der Belegschaft zusammen auf einer Ebene, nicht mal in getrennten Zimmern.“

In einigen der Bilder, in denen der Wunsch nach einer Verortung in der Nähe zur Belegschaft zum Ausdruck gebracht wird, geht es spürbar um Identifikationen, um eine erlebte oder gewünschte Verwurzelung in der Belegschaft, um einen Ort, an dem man sich heimisch fühlen kann. Und um die subjektive Erfahrung, dass der Schritt in den Betriebsrat allzu leicht mit einer Entfernung und Entfremdung von der eigenen Basis einhergeht. So äußert eine Betriebsrätin aus dem produktionsnahen Bereich von SOLUTIONS:

„Von der Wichtigkeit her, also vom Gefühl her, würde ich das Büro lieber nach unten setzen. Vom Gefühl her, wo steh' ich – steh' ich oben oder steh' ich unten? Da würde ich mich zu den Kollegen setzen. Deswegen arbeite ich auch noch zu fünfzig Prozent. Also ich darf da nicht weg und ich will angebunden sein an die Kollegen.“

Die eigene Verortung ist nicht nur eine Frage betriebspolitischer Entscheidung, sie ist wesentlich auch eine Frage der Identifikation. Auf die Frage, wo sie sich der Geschäftsleitung gegenüber lokalisieren würde, hatte sie keinen Zweifel daran gelassen, dass der Ort des Betriebsrats oben neben dem Management zu sein hat; geht es jedoch darum, welcher Ort ihr selbst „wichtig“ ist und vor allem um ihr „Gefühl“, so betont sie genauso entschieden, dass sie das Betriebsratsbüro „lieber nach unten setzen“ würde. Dies ist auch der Grund dafür, dass sie selbst in dieser Firma, in der sehr großzügige Selbstfreistellungsmöglichkeiten bestehen, mit der Hälfte ihrer Arbeitszeit in ihrer Abteilung zu bleibt, um „an die Kolleginnen und Kollegen angebunden zu sein“. Geht für manche ihrer Betriebsratskollegen von dem „Oben“ ein Reiz, wenn nicht gar ein gewisser Sog aus, so scheut sie zwar den Gang nach „oben“ nicht, wenn sie „für die Kollegen“ etwas erreichen will, hat aber doch Angst, dass eine volle Freistellung ihr „Angebunden“-Sein im „Unten“ gefährden könnte:

„Ich geh' nach oben für die Kollegen, ja, aber angebunden fühle ich mich unten. Ich hab' nur die Angst, wenn ich hundertprozentig freigestellt wäre, würde mir dieses Feedback der Kollegen fehlen, und ich will nahe an den Kollegen arbeiten, mit den Kollegen arbeiten.“

Eine Freigestellte desselben Betriebes führt ebenfalls ihr „Gefühl“ an, wenn sie von ihrer ‚inneren Verortung' in der Nähe der Kollegen spricht. Während auch sie auf den Anspruch des Betriebsrats auf einen geschäftsleitungsnahen Platz pocht, auf das Recht des Betriebsrats, die wichtigen Dinge mit dem jeweils Verantwortlichen aus der Geschäftsleitung zu klären, stellt sie dieser „offiziellen Sichtweise“ ihre „gefühlsmäßige Sichtweise“ zur Seite:

„Aber das ist die offizielle Sichtweise und die gefühlsmäßige Sichtweise ist dann doch etwas anders. Also ich persönlich fühle mich eigentlich noch am meisten hingezogen zu den gewerblichen und den angrenzenden Bereichen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich hier gelernt habe und das so die Abteilungen sind, die ich durchlaufen habe. Da kenne ich viele Leute, da fühle ich mich einfach zu Hause.“

Wie ihre Kollegin fühlt auch sie sich nach wie vor zu den Bereichen hingezogen, aus denen sie stammt – und in beiden Fällen sind dies die produktionsnahen Bereiche. Hier hat sie ihre Wurzeln, hier hat sie nach wie vor persönliche Beziehungen, hier fühlt sie sich „einfach zu Hause“. In diesem „da fühle ich mich einfach zu Hause“ steckt das Erleben eines fraglosen Dazugehörens, steckt die Möglichkeit, sich aus den betriebspolitischen Konflikten, den spannungsgeladenen Sitzungen mit Vertretern der anderen Seite (oder der anderen Fraktionen) oder den oft nicht sehr ergiebigen Gesprächen mit hochqualifizierten Angestellten mal ein Stück zurückzuziehen und so sein zu können, wie sie sich fühlt, ohne dies hinter einer betriebsrätlichen Vertretungsmaske verbergen zu müssen.

Eine weitere Betriebsrätin von SOLUTIONS – und hier zeigt sich die enge gewerkschaftliche Identifizierung und basisnahe, ja nostalgische ‚Sehnsucht' (Tietel 2006) der Metallbetriebsrätinnen dieser Firma, „würde sich wünschen, dass der Betriebsrat ganz unten auf dem Boden sitzt“, also ebenfalls an der betrieblichen Basis:

„Also wenn es ein Haus wäre mit mehreren Etagen, dann würde ich die Geschäftsführung ganz nach oben setzen und würde mir wünschen, dass der Betriebsrat ganz unten auf dem Boden sitzt, aber ich fürchte, der sitzt dann eher doch so in der zweiten oder dritten Etage. Irgendwo dazwischen. Liegt einfach in der Art.“

Auch hier spricht sich der Wunsch aus, dass der Betriebsrat seine Bodenhaftung bei den Beschäftigten behält und eine gewisse Bodenständigkeit nicht verliert. Dass dieser persönliche Wunsch und dieses gewerkschaftspolitische Ideal in einem Betrieb ihrer Größe mit über 20 Betriebsräten und einer entfalteten Betriebsratsorganisation nicht so einfach zu realisieren ist, ist ihr als ‚Profibetriebsrätin' klar. Und dennoch entbehrt es nicht einer gewissen Wehmut, wenn sie „fürchtet“, dass der Betriebsrat „dann eher doch so in der zweiten oder dritten Etage sitzt. Irgendwo dazwischen“. Sie ist realistisch genug zu sehen, dass der Betriebsrat in der sozialen Topographie des Betriebes ein ganzes Stück über der Belegschaft rangiert. „Irgendwo dazwischen“, sagt sie. Wieder der Verweis auf ein „Dazwischen“ als nicht genau zu bezeichnender Ort; das „Irgendwo“ verstärkt hier noch die Unbestimmtheit dieses Ortes. Und zwar nicht nur für sie und ihre subjektive Erfahrung, sondern, wie sie hinzufügt: Das „liegt einfach in der Art“ – sprich: es gehört zum Wesen der Institution und der Rolle Betriebsrat.


5.2 Die Mitte des Betriebes als Ort der Erreichbarkeit

In den Interviews, in denen der Betriebsrat hinsichtlich der Belegschaft in der Mitte des Betriebes platziert wird, steht oft der Gedanke Pate, dass es wichtig für den Betriebsrat ist, dass er von den Beschäftigten gut „erreicht“ werden kann. Der Wunsch nach einer größeren Nähe zur Belegschaft ist hier eher funktional. So heißt es in der Äußerung einer Betriebsrätin von SOLUTIONS:

„Den Betriebsrat würde ich so setzen, dass er mittig ist, für alle Belegschaftsmitglieder zu erreichen. Wo alle vorbeikommen, wo jeder reingehen kann.“

Ganz ähnlich der stellvertretende BR-Vorsitzende von DACHS:

„Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich eher in der Nähe von Orten sitzen wollen, die sowieso von Leuten besucht werden, ob es die Kantine ist oder ob es die Poststelle ist oder so was, wo man mal vorbeigehen kann, ohne dass man einen Umweg machen muss. So in Laufnähe.“

Mit der Verortung „in Laufnähe“ verbindet sich die Hoffnung, dass auch in einem Unternehmen, in dem ein guter Teil der Beschäftigten dem Betriebsrat eher verhalten gegenübersteht, der eine oder andere Kollege doch mal durch seine meist offene Türe tritt, wenn sie/er auf dem Weg zur Poststelle oder zur Kantine an dieser vorbeikommt. Es ist für das eigene betriebsrätliche Selbstgefühl sicher nicht sehr aufbauend, wenn man den Eindruck hat, dass man für diejenigen, deren betriebspolitischer Vertreter man immerhin ist, nicht mal einen Umweg wert ist – und die gewünschte „Laufnähe“ weist auch auf das Gefühl hin, dass man den geschätzten KollegInnen im betriebsrätlichen Alltag doch mehr hinterher läuft, als man sich das vorgestellt hat. Von dieser Erfahrung geprägt ist auch die folgende Schilderung eines Betriebsrats von TEMP:

„Ich würde für den Betriebsrat einen Raum schaffen, der innerhalb der Firma recht öffentlich ist. Der einfach erreichbar ist. Bei dem andere auch einfach mal so vorbei kommen, weil er irgendwo am Weg liegt. Ich würde mir dort eine kleine Kommunikations-Kaffee-Ecke einrichten, wo auch die Mitarbeiter sich hinsetzen können und mal eine Pause machen. Auch, damit man mit denen reden kann, in Kontakt kommt.“

Auch in diesem Wunsch nach dem Betriebsratsbüro als belegschaftsnahem, offenem und öffentlichem Bereich, spricht sich aus, dass die Interessenvertretungen in den Firmen mit überwiegend aus hochqualifizierten Angestellten bestehenden Beschäftigten, darunter leiden, dass der Betriebsrat eine von der Belegschaft wenig gefragte Sphäre ist. Drückt sich der Wunsch nach Anerkennung durch die Geschäftsleitung in der Vorstellung aus, auf gleicher Ebene angesiedelt zu sein und auf gleicher Augenhöhe miteinander zu verkehren, so der Wunsch nach Anerkennung durch die Belegschaft darin, dass man, wie es dieser Arbeitnehmervertreter formuliert, für die Beschäftigten „erreichbar“ ist, dass man mit ihnen in „Kontakt kommt“ und dass man das Gefühl hat, von den Kolleginnen und Kollegen mit seinen betriebsrätlichen Perspektiven und Kompetenzen ‚gefragt' und für sie in seiner organisatorischen Rolle als Betriebsrat ‚verwendbar' zu sein.

Wie sehr diese Vorstellung davon geprägt ist, dass er ihren Betriebsrat nicht als einen dergestalt öffentlichen und gefragten Ort erlebt, dokumentiert der Fortgang seiner Äußerung:

„Ich finde das immer so ein bisschen ungünstig, wenn das alles so räumlich abgetrennt ist und es dann so eine Tür gibt, so wie hier zum Beispiel, wo dann so ein Gefahrenschild hängt, auf dem steht: „Betriebsrat“. Das ist traditionell, aber in meinen Augen nicht unbedingt geeignet.“

Eine geschlossene Türe mit einem „Gefahrenschild“: „Vorsicht Betriebsrat! Betreten auf eigene Gefahr“. Von wo oder von wem droht die Gefahr? Muss man sich Sorgen machen, vom Vorgesetzten gesehen zu werden, wenn man zum Betriebsrat geht? Oder drückt sich in dieser Äußerung das Gefühl eines Betriebsrats aus, dass in der Arbeitskultur des Betriebes der Betriebsrat selbst ein Stück weit unter ‚Quarantäne' gestellt ist und viele KollegInnen lieber einen Bogen darum herum machen – es sei denn, sie haben ein so gewichtiges persönliches Anliegen, dass sie sich von dem Warnschild nicht abschrecken lassen? Es sind häufig die beiläufigen Metaphern, die subjektive Erlebensweisen und atmosphärische Zusammenhänge ans Licht bringen.


5.3 Der Ort des Betriebsrats bei-und-zugleich-über den Beschäftigten

In vielen Äußerungen deutet sich ein „Irgendwo Dazwischen“ an, das den Betriebsrat sowohl mit den Beschäftigten verbindet als auch von ihnen unterscheidet. Mitten unter den Beschäftigten und doch ein wenig darüber bestimmt eine der Freigestellten von SOLUTIONS ihren Ort bezüglich der Beschäftigten:

„Der Betriebsrat sitzt mittendrin, in etwas gehobener Position. Das liegt auch daran, wie man so gesehen wird und viele sich selbst vielleicht auch so sehen.“

Diese Position zugleich bei und über den Beschäftigten kommt explizit in den Schilderungen der Betriebsrätin von TECHNO zum Ausdruck, die in ihrem ‚Bild' die Geschäftsleitung erst neben und dann eine halbe Etage über dem Betriebsrat platziert hat. Sie gerät in ein ähnliches Dilemma, wenn sie versucht, die Belegschaft in das Bild mit einzubeziehen. Anknüpfend an ihre Vorstellung von drei Etagen, wobei sich Betriebsrat und Geschäftsleitung in der obersten Etage befinden, formuliert sie nun für die Belegschaft:

„Und dazwischen, darunter, dazwischen befindet sich die gesamte Belegschaft. Es sitzen welche ganz weit links neben dem Betriebsrat und dann sitzen welche gar nicht so weit rechts von der Geschäftsleitung und dann eine ganze Menge dazwischen. Und der Betriebsrat und die Geschäftsleitung sitzen halb so da drüber.“

Wie in den meisten Bildern von TECHNO sitzt auch hier die Belegschaft um den Betriebsrat und die Geschäftsleitung herum; weder der Betriebsrat noch die Geschäftsleitung sind besonders weit abgehoben vom produktiven und sozialen Geschehen in der Firma. Und doch formuliert diese Betriebsrätin nun auch hier eine Abstufung: „Dazwischen darunter, dazwischen befindet sich die gesamte Belegschaft“. Wir finden erneut ein Schwanken zwischen der gleichen Ebene: „dazwischen“ und einer hierarchischen Abstufung: „darunter“; aber auch mit dem „darunter“ ist sie nicht ganz glücklich, so dass sie erneut zum „dazwischen“ zurückkehrt. Belegschaft und Betriebsrat sind ihrem Eindruck zufolge, so kann man das Hin-und-her-Schwanken verstehen, weder wirklich auf einer Ebene, noch wirklich auf unterschiedlichen Ebenen. Das ‚Daneben' stimmt ebenso nur zur Hälfte wie das ‚Darunter'. Und wie schon in der Beziehung zur Geschäftsleitung, führt sie jetzt auch hier eine Zwischen-Etage ein: „Betriebsrat und Geschäftsleitung sitzen halb so da drüber“. Hinsichtlich der Verortung des Betriebsrats hat sie damit den Ort gefunden, der ihre Unentschiedenheit zwischen dem „Dazwischen“ und dem „Darunter“ aufzulösen erlaubt: „halb-darüber“, also in der Zwischensphäre des Bei-und-zugleich-über den Beschäftigten.


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